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Was lest ihr gerade?

Von Spam bis Gott und die Welt
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Quadrophobia
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Quadrophobia » So 22. Nov 2020, 23:27

Wishkah hat geschrieben:Ich habe meine Kurz-Quarantäne genutzt, um Faserland von Christian Kracht zu lesen. Tatsächlich mein erster Roman von Kracht, aber sicherlich nicht der letzte. War schon sehr unterhaltsam und diese Darstellung hedonistischer Leere und Traurigkeit spricht mich generell an.

Einziges Manko: Als das Buch in den 90ern erschienen ist, war es bestimmt ein Vorreiter dieser Art von Erzählungen. Im Jahr 2020 habe ich aber schon einige Bücher gelesen, die stilistisch und inhaltlich doch sehr ähnlich sind. Von Haruki Murakami über Hunter S. Thompson bis zu insbesondere im deutschsprachigen Bereich Heinz Strunk. Das schmälert die Wirkung etwas.

Nichtsdestotrotz hat mir das gut gefallen.
Dann kann ich wirklich nur empfehlen "Allegro Pastell" von Leif Randt zu lesen. Quasi die logische Adaption von Faserland für Millenials.


Zur Zeit les ich Das Schloss von Kafka, das Satz für Satz beeindruckend, aber natürlich auch unglaublich erdrückend ist, JG Ballard's Atrocity Exhibition, was durch seinen Stil aus sehr kurzen, in sich geschlossenen Szenen und extrem anspruchsvoller Sprache zwar sehr schwergängig ist, aber eine so einzigartige Sci-Fi Dystopie entwickelt, dass man mir zwei Seiten schon einen halben Film im Kopf hat und Der Geruch des Paradieses von Elif Shafak, eine Wunderbar geschriebene Verhandlung von Identität, Religion, Türkei und Feminismus.

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Inge
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Inge » So 29. Nov 2020, 12:53

Der Idiot von Fjodor Dostojewski ....krasses Buch

Benscho94
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Benscho94 » Di 1. Dez 2020, 17:43

komme gerade echt wieder viel zum lesen (auch durch mein jetzt 2tes mal in Corona Quarantäne)
Erst endlich mal Bernhard Schlinks "Der Vorleser" gelesen. Hat mich auch echt gepackt und hatte ich in 2 Tagen durch.
Dazu noch ein paar Krimis durchgelesen und ein paar echt gute Sachbücher (z.B. Yuval Noah Harri - Kurze Geschichte der Menschheit, Christopher Clark - Von Macht und Zeit, Franka Frei - Periode ist Politisch und gerade Richard David Precht - wer bin ich, und wenn ja wie viele)
Jetzt werde ich mich mal wieder an klassische Romane machen. Hab noch ziemlich viel Kafka hier rumstehen.
Festival - Historie (ohne Umsonst-Festivals):
Rock in den Ruinen: 09,10,11,12,13
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Serengeti: 12,15
RaR:13
Rock im Revier: 15 (Sa)
Open Flair: 17
Rock Werchter: 18
Vainstream: 18,19
Deichbrand: 19
SummerBreeze: 19
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musiclover3
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von musiclover3 » So 6. Dez 2020, 11:42

Hey,

ich lese gerade von Yuval Noah Harari, dass Nach - Nachfolge Buch von "Eine Kurze Geschichte der Menschheit" (oder so ähnlich) und zwar "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" ist echt ein gutes Sachbuch und liest sich so spannend wie das erste Buch in der Reihe.
Der Autor spricht dabei über zentrale Probleme unserer Zeit. Und geht dabei auf Fragen und Themen wie: Probleme der Demokratie, wie soll man mit der sich stetig weiter entwickelnden Technologie umgehen, Gibt es einen Gott & wie sinnvoll ist Religion? Was sollen wir gegen den Terrorismus machen und so weiter.

Wer sich für solche Themen interessiert und ein bisschen mehr über unsere Welt lernen will, dem kann ich das Buch und die ganze Reihe echt ans Herz anlegen :)
Zum Glück gibt es Glück. (Franz Schmidberger)

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Taksim
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Taksim » Fr 26. Feb 2021, 10:25

Kürzlich beendet habe ich Doxology von Nell Zink.

Dies ist das erste Buch, das ich von ihr gelesen habe. Zu dem viel gelobten "Wallcreeper", mit dem sie bekannt geworden ist, kam ich bisher noch nicht.
Die Aufmachung und Storydetails, die ich drüber hörte, machten mich hier aber gleich neugierig. Das Setup ließ vermuten, dass esin Richtung von Jennifer Egans "A Visit from the Goon Squad" geht, den ich ja grandios finde. Denn auch hier beginnt alles in der Musikszene New Yorks, allerdings nicht so eindeutig Punk wie bei Egan. Ein Freundestrio schlägt sich durch mit Auftritten in schäbigen Schuppen, aber auch irgendwann im CBGBs und dabei wird die ganze Welt von der damaligen Indieszene mit den relevanten Labels, Fanzines und Locations gut eingefangen. Einer der drei bahnt sich dann seinen Weg zum Erfolg und die anderen beiden nehmen mehr Management-Funktion ein. Das ist alles anregend geschildert, geht dann aber ganz schön flott. Dem wäre ich gerne länger gefolgt.

Aber dann folgt die zweite Hälfte und die fokussiert sich komplett auf die Tochter, die zwei der Freunde bekommen. Sie und der Starmusiker werden wichtige Bezugspersonen für einandner, aber eine größere Rolle spielt es dann für den weiteren Verlauf nicht. Es sind wirklich quasi zwei Bücher mit zwei Themenschwerpunkten und zwei verschiedenen Sets Protagonisten. Im zweiten Teil steht dann im Zentrum wie die Tochter Flora zur politischen Persönlichkeit heranwächst und irgendwann für die Green Party arbeiten. Eine große Rolle spielt da der US-Wahlkampf 2016, was im Klappentext so auch angedeutet wird, und was mir im Vorfeld große Sorgen bereitete. Denn Trump miteinfließen zu lassen kann ganz schnell in die Hose gehen, finde ich. Zumindest finde ich es recht unspannend sich an ihm abzuarbeiten. Das letzte Buch, das ich gelesen hab, wo das zentral war, war "Wanderers" von Chuck Wendig (was nach langer, langer Zeit mal wieder ein Buch war, was ich abgebrochen hab; aber das hatte diverse Gründe, jedoch waren die platten politischen Kommentaren und Allegorien ein großer). Welche, die ich nicht kenne, die mich aber null interessieren wären von Dave Eggers "Der größte Kapitän aller Zeiten" oder Richard Russos "Shitshow". Beides Autoren, die ich schätze, aber das liest sich im Klappentext schon so vorhersehbar und ermüdend.
Na ja, da war ich besorgt, wie zentral die mehr als unspannende Erkenntnis, dass Trump ein Idiot ist, im Roman plattgetreten wird. Glücklicherweise sehr wenig. Es geht viel mehr um die Dynamik zwischen den Demokraten und der Green Party. Und auch die Demokraten werden kritisch beäugt. Das ganze Umfeld von der Kampagnen-Arbeit kommt auch gut rüber, aber trotzdem fand ich die Hälfte weniger einnehmend als die erste, wenn Flora auch eine Protagonistin ist, der man gerne folgt.

Für eine so große Spanne ist das Buch auch recht kurz mit 400 Seiten. Die Ambition, einen solchen Bogen zu schlagen, respektiere ich, aber ich glaube man hätte aus beiden Ansätzen echt gut zwei Bücher machen können. Vor allem, weil, wie gesagt, Hälfte eins so wenig Relevanz für Hälfte zwei hat. Es ist wirklich nur Backstory für die Charaktere.
"I don't know."

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smi
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von smi » Fr 26. Feb 2021, 12:23

Durch mit:
- Katharina Nocun - Die Daten, die ich rief: Wie wir unsere Freiheit an Großkonzerne verkaufen
Spannendes Buch über Facebook, Amazon und co und zu was Daten, Big Data etc. führen kann (auch z.B. Krankenkassen und Versichungen etc.)

- Katharina Nocun, Pia Lamberty - Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen
Wie verbreiten sich Fake News, wieso niemand davor gegefeit ist und was man da gegen im Kleinen tun kann und was im Großen getan werden müsste.

- John Niven - Die Fuck It Liste
Gutes Buch, wenn man den Stil von Niven mag, über ein vertrumptes Amerika im Jahr 2026 (Trump gewint die zweite Wahl, Ivanka übernimmt nach dem Vater das Amt) und ein Mann der nichts mehr zu verlieren schreibt eine Fuck It Liste und setzt sie auch um. Böse, distopisch und irgendwie "zu realistisch".

Jetzt:
Sibylle_Berg - Nerds retten die Welt
Ein Buch mit Interviews Nerds aus der ganzen Welt (Wissenschaftler, Forscher etc.) mit unterschiedlichsten Fachgebieten. Liest sich gut und ist interessant zu lesen.

Später:
David Foster Wallace - Unendlicher Spaß/Infinite Jest

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Taksim
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Taksim » Fr 26. Feb 2021, 12:28

smi hat geschrieben:
Fr 26. Feb 2021, 12:23
- John Niven - Die Fuck It Liste
Gutes Buch, wenn man den Stil von Niven mag, über ein vertrumptes Amerika im Jahr 2026 (Trump gewint die zweite Wahl, Ivanka übernimmt nach dem Vater das Amt) und ein Mann der nichts mehr zu verlieren schreibt eine Fuck It Liste und setzt sie auch um. Böse, distopisch und irgendwie "zu realistisch".
Ich liebe John Niven, aber da macht mich der Trump-Aspekt auch skeptisch.
Wobei das bei "Kill 'em all" auch schon eine Rolle spielt, aber da dient es wunderbar zur weiteren Charakterisierung von Steven Stelfox, dass er wie immer ultra-zynisch das ganze genüsslich betrachtet und das Chaos des Ganzen genießt.
"I don't know."

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Quadrophobia
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Quadrophobia » Fr 26. Feb 2021, 13:28

Taksim hat geschrieben:
Fr 26. Feb 2021, 10:25
Kürzlich beendet habe ich Doxology von Nell Zink.
► Text zeigen
Bin dir immer noch sehr dankbar für den Egan Tipp. "Manhattan Beach", dass ich anfangs nicht mochte, war nach hinten raus fantastisch. Visit from the Goon Squad wird heute angefangen.


Zuletzt Generation X von Douglas Copeland gelesen, eine etwas weniger überzeichnete Version von "Less Than Zero". Der Gen X Nihilismus ist hier schon gut getroffen.

Und gerade nach Ewigkeiten mit The Cider House Rules / Gottes Werk und Teufels Beitrag von John Irving fertig geworden. Tolles Buch, spannende Charaktere, schön geschrieben und alles wird durch das Thema Schwangerschaftsabbruch immer zeitlos gehalten. Allerdings auch an vielen Ecken langatmig. Ich bin einfach nicht gemacht für 800+ Seiten :lolol: [1]

Davor Johann Holtrop von Rainald Goetz. Einfach nur geil. Den 2000er Managerhype so gekonnt aufs Korn genommen, sprachlich so perfekt abgebildet und die Traurigkeit dieser Gestalten selbst in jeder positiven Szene perfekt spürbar. Von dem werde ich definitv mehr lesen.

Kurz vorher noch mit "Schimmernder Dunst über Colby County" die Leif Randt Sammlung komplettiert. Verstehe zu 100% warum er als Inbegriff der Gegenwart gehandelt wird. Seine Szenarien mit materiell perfekten Orten, perfekten Menschen und kompletter Abwesenheit "realer" Probleme trifft fantastisch unseren Performance, Ästhetik und Kommunikationszeitgeist.


[1] kleine Anekdote dazu: Hab jemandem von dem Buch erzählt und den Vornamen mit David Irving verwechselt. Der ist Holocaustleugner :poo: Was muss die Person jetzt von mir denken :grin:

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Monkeyson
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Monkeyson » Fr 26. Feb 2021, 20:55

smi hat geschrieben:
Fr 26. Feb 2021, 12:23
Später:
David Foster Wallace - Unendlicher Spaß/Infinite Jest
Das hat mir irgendwie gar nichts gegeben.
Wurde hier auch schon irgendwo besprochen, jemand anderes war arg pro.

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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von slowdive » Fr 26. Feb 2021, 21:43

Quadrophobia hat geschrieben:
Fr 26. Feb 2021, 13:28
Davor Johann Holtrop von Rainald Goetz. Einfach nur geil. Den 2000er Managerhype so gekonnt aufs Korn genommen, sprachlich so perfekt abgebildet und die Traurigkeit dieser Gestalten selbst in jeder positiven Szene perfekt spürbar. Von dem werde ich definitv mehr lesen.
Das klingt ziemlich cool.
Quadrophobia hat geschrieben:
Fr 26. Feb 2021, 13:28
Kurz vorher noch mit "Schimmernder Dunst über Colby County" die Leif Randt Sammlung komplettiert. Verstehe zu 100% warum er als Inbegriff der Gegenwart* gehandelt wird. Seine Szenarien mit materiell perfekten Orten, perfekten Menschen und kompletter Abwesenheit "realer" Probleme trifft fantastisch unseren Performance, Ästhetik und Kommunikationszeitgeist.
*in einer bestimmten Altersgruppe in bestimmten Stadtteilen in metroplen Großstädten, die warum auch immer seeeeehr viel Aufmerksamkeit bekommt.

Ne, Leif Randt und ich – das wird nichts. Gerade Allegro Pastell kommt mir echt immer schlechter vor, umso länger ich drüber nachdenke.
Monkeyson hat geschrieben:
Fr 26. Feb 2021, 20:55
smi hat geschrieben:
Fr 26. Feb 2021, 12:23
Später:
David Foster Wallace - Unendlicher Spaß/Infinite Jest
Das hat mir irgendwie gar nichts gegeben.
Wurde hier auch schon irgendwo besprochen, jemand anderes war arg pro.
Eines der besten Bücher aller Zeiten. Hier wird unsere Gegenwart tasächlich so genial getroffen, wie wohl nirgens sonst – und das im Jahre 1996.
Zuletzt geändert von slowdive am Fr 26. Feb 2021, 22:06, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Baltimore » Fr 26. Feb 2021, 21:56

Tori Amos - Resistance
And the meteorite's just what causes the light
And the meteor's how it's perceived
And the meteoroid's a bone thrown from the void that lies quiet in offering to thee...

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Monkeyson
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Monkeyson » Sa 27. Feb 2021, 16:56

slowdive hat geschrieben:
Fr 26. Feb 2021, 21:43
Monkeyson hat geschrieben:
Fr 26. Feb 2021, 20:55
smi hat geschrieben:
Fr 26. Feb 2021, 12:23
Später:
David Foster Wallace - Unendlicher Spaß/Infinite Jest
Das hat mir irgendwie gar nichts gegeben.
Wurde hier auch schon irgendwo besprochen, jemand anderes war arg pro.
Eines der besten Bücher aller Zeiten. Hier wird unsere Gegenwart tasächlich so genial getroffen, wie wohl nirgens sonst – und das im Jahre 1996.
Dachte mir schon, dass du das warst. Wo kommt der Gegenwartsbezug her? Ich kann nur für die erste Hälfte sprechen, aber erinnere mich da an nichts, was visionär / wegweisend erschien. Nur noch an aufgereihte Absurditäten und Belanglosigkeiten, die alleine vom sprachlichen Stil getragen wurden.

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slowdive
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von slowdive » Do 18. Mär 2021, 12:44

Zwei kürzlich erschienene Empfehlungen:

Bild

Kim Jiyoung, geboren 1982 von Cho Nam-Joo

Der Roman beginnt damit, dass Kim Jiyoung, in den dreißigern, Mutter, verheiratet, eine Psychose entwickelt und sich in Therapie begibt. Das Buch schildert ihre Lebensgeschichte und wie es letztlich dazu kam. Es ist das erfolgreichste koreanische Buch aller Zeiten und die New York Review of Books liegt denke ich richtig, wenn sie schreibt, man müsse sich den Erfolg des Werks als eine Art "Mitgliedsausweis" für die kollektive Erfahrung der Erniedrigung von Frauen vorstellen (nicht umsonst tragen alle Männer im Buch keine Namen, außer einer). Kim Jiyoung ist in dem Buch sowohl eine voll entwickelte Person, als auch die Schablone für die Erfahrung einer ganzen Generation von Frauen. Auch wenn sich das Buch in vielen Bereichen explizit um die südkoreanische Erfahrung herum entfaltet, trägt es eine große und universelle Aussagekraft in sich. Evtl. muss man sich zunächst an den extrem nüchternen, berichtartigen Stil gewöhnen (ich fand ihn allerdings sehr zugänglich) – teilweise gibt es sogar auf Studien verweisende Fußnoten im Sachbuch-Stil – er ist aber letztlich die exakt richtige Form, für das, was das Buch versucht und – wie ich finde – extrem gelungen schafft. Absolute Empfehlung!

Bild

Influencer - Die Ideologie der Werbekörper von Ole Nymoen u. Wolfgang M. Schmitt

Das erste Buch der beiden bekannten Internet-Persönlichkeiten (u.a. Die Filmanalyse, der Wohlstand für alle-Podcast...). Es geht um das, was der Titel verspricht: Eine ideologiekritische Untersuchung des Influencer-Marketings und der Körper dahinter vor dem Hintergrund der Krise des Spätkapitalismus. Ich war zunächst skeptisch, da ich längst nicht alles toll finde, was aus dieser Ecke kommt, wurde aber komplett überzeugt. Sind die ersten Kapitel noch etwas fragwürdig, handelt es sich doch mehr um eine Marx-Einführung am Beispiel der Influencer und nicht um eine Analyse selbiger, wird danach aufgedreht: Es geht um Influencer und ihren verkrüppelten Individualismusbegriff, das Verschwinden von kreativen Inhalten hinter geistlosem Content, die Entpolitisierung von von politischem Aktivismus, problematische Körper- und Geschlechterbilder und vieles andere. Indem die Probleme eher materialistisch als Teil einer historischen, gesellschaftlichen Entwicklung präsentiert werden, wird Schlüssen á la "Die Jugend von heute…" vorgebeugt. Das ermöglicht ein differenziertes Verständnis der Ausbeutungsbeziehungen der Branche. Die überfällige Kritik am Authentizitäts- und Individualitätskult sitzt, der Tourismus erweist sich im Zeitalter der Erfahrungslosigkeit endgültig als die Lüge, die er immer war. Auch die häufig heikle Kritik an der Vereinnahmung (vermeintlich) progressiver Themen gelingt. Charity, Diversity und der zur reinen Selbstdarstellung instrumentalisierte Antirassismus werden feinfühlig aber deutlich problematisiert. Die Diagnose einer Entwicklung, "die schlicht und ergreifend als Verblödungsprozess bezeichnet werden muss" sitzt und erfolgt aus einer absolut nicht-boomerhaften, unkonservativen Perspektive. Ich empfehle das Buch nach dem "Know your enemy"-Prinzip jedem, der nicht komplett den Bezug zu dem, was aktuell in großen Teilen der jüngeren Bevölkerung passiert, verlieren möchte. Sprachlich ist das Buch auch gut zugänglich, finde ich: Durchaus komplex, aber nicht unnötig kompliziert.

(Zwischendurch ist halt auch lustig im Sinne von absurd. Einfach, weil vieles von dem, was in dieser Influencer-Welt passiert, so drüber und durch ist, dass man es kaum glauben kann... :grin:)

Als nächstes stehen dann Digitaler Faschismus von Maik Fielitz u. Holger Marcks an sowie der zweite Teil (Die Geschichte eines neuen Names) der Neapel-Reihe von Elena Ferrante. Der erste Teil Meine geniale Freundin ist sicherlich eines der besten fiktionalen Bücher, die ich bisher gelsen habe. Wirklich unglaublich gut.

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Taksim
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Taksim » Mi 24. Mär 2021, 13:58

Ich hab mir die letzten Monate ein paar Klassiker vorgenommen, die ich schon ewig vor mir hergeschoben hatte:

Anna Karenina
An einen 1200-Seiter über die gut betuchte russische Gesellschaft bin ich trotz aller Lorbeeren mit Vorbehalten rangegangen, aber ich muss sagen, ich war von dem ersten ikonischen Satz voll involviert in den Mikrokosmos dieser Schicht, die Tolstoi mit viel Detail und hier und da scharfem Witz schildert. Dazu liefert er mit Levin einen Charakter, mit ich mich dann doch gut identifizieren konnte.
Ein totales "Duh" meinerseits, aber der Roman ist ein sehr ganzheitliches Porträt sowohl der Gesellschaft als auch der Ära.

Madame Bovary
Auch hier war ich erfreut festzustellen, wie sehr ich mich den allgemeinen Lobeshymnen anschließen kann. Er gilt ja gemeinhin als der Moment, wo der Roman sich die Bildsprache der Poesie zu eigen macht. Und das macht Flaubert wirklich gut. Er findet sehr lebhafte Metaphern und fasst die Depression des zentralen Charakters in passende Worte, was ich vor allem angesichts der Epoche bemerkenswert finde.

The New York Trilogy
So sehr, wie ich auf New York-Romane stehe, hat es mich immer selber gewundert, dass ich das vielleicht bekanntestes Werk von Auster nicht kannte. Die Stadt fängt er so toll ein wie immer. Dazu sind die drei Geschichten (es handelt sich um drei Stories in einem Band) sehr kunstvoll miteinander verwoben, wobei er genau den richtigen Grad zwischen anregendem Storytelling und postmodernen Experimenten findet. Letzteres steht ersterem nicht im Weg, wie das sonst häufig der Fall sein kann, sondern generiert sehr interessante Reflektionen zum Schreiben und das Autorendasein.

Wuthering Heights
Es zieht sich ein bisschen wie ein roter Faden durch, aber auch diese Schilderungen des Treiben auf zwei Anwesen der britischen Oberschicht war sehr viel zugänglicher, als ich befürchtet hatte. Emily Brontës Schreiben besticht vor allem durch die Beschreibungen der Natur, die einen voll in die rauhe, nordenglische Landschaft eintauchen lassen.

Jane Eyre
Was im Roman ihrer Schwester etwas fehlt, gelingt Charlotte Brontë umso mehr: nämlich einen einnehmenden zentralen Charakter in der Mitte der Geschichte zu platzieren, mit dem man mitfühlt. Naturbeschreibungen sind hier jedoch ebenso kunstvoll, dazu ist Jane Eyres Freigeist sehr erfrischend und muss zu der Zeit für eine weibliche Protagonistin revolutionär gewesen sein. Auch stilistisch gibt es interessante Details, wie, dass sie den Leser gerne direkt anspricht. Ein gemeinsames Motiv von Emily und Charlotte Brontë sind dazu vorsichtig dosierte Spränkel übernatürlicher, gothischer Elemente, die die Welt schön erweitern.
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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Declan_de_Barra » Mi 24. Mär 2021, 14:39

Letzte Bücher des Lesezirkels:
Super und dir? von Kathrin Weßling, das hatte ich vorgeschlagen. Habe von ihr vorher nochts gelesen, das war also mein erster Versuch. Eigentlich mehr oder weniger wie ich es erwartet habe. Es lässt sich sehr gut lesen, versucht nicht irgendwas zu sein was es nicht ist. Thematisch gehts um psychische Erkrankungen, Drogen, Druck im Privaten und auf der Arbeit. Da merkt man schon, dass sich Weßling besonders mit dem ersteren Thema sehr gut auskennt. Insgesamt ein wirklich gutes Buch.

Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten von J. L. Carr. Das ganze spielt im England der 1970er Jahre und handelt von einem Dorfverein, der überraschend den FA Cup holt. Auch hier versucht das Buch nicht mehr zu sein als es ist, lässt sich also wirklich gut lesen. Wer Fußball oder allgemein Underdog-Stories mag, wird seinen Spaß an dem Buch haben. Wobei es nichtmal so sehr um die Spiele an sich geht, sondern eher um die Umstände und das Zusammenspiel (hehe) der Charaktere.

Weniger einfach zu lesen wurde es bei Weil Krieg ist von Mercè Rodoreda. Dass das ein etwas anderes Kaliber ist, dürfte allein bei der Autorin schon klar sein. Mir gefällt die Art und Weise zu schreiben, besonders der erste Abschnitt.
► Text zeigen
Außerhalb des Lesezirkels sitze ich gerade noch an Ministerium der Träume von Hengameh Yaghoobifarah. Bis jetzt gefällt mir die Story um Migrationserfahrung gut, auch wenn ich nocht so weit bin. Klar ist aber schon, dass mir ihr Schreibstil liegt. Ansonsten stehen hier nun noch die neuen Bücher von Sophie Passmann und Christian Kracht im Regal. Und Serotonin von Houellebecq verstaubt hier immernoch.

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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Wishkah » So 11. Apr 2021, 13:37

Jemand eigentlich den neuen Kracht gelesen? Liegt hier jetzt schon ein paar Tage länger. Bislang kenne ich nur "Faserland".

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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Quadrophobia » So 11. Apr 2021, 14:21

Wishkah hat geschrieben:
So 11. Apr 2021, 13:37
Jemand eigentlich den neuen Kracht gelesen? Liegt hier jetzt schon ein paar Tage länger. Bislang kenne ich nur "Faserland".
Jep. Fand besser als "Die Toten", allerdings gibts so nach einem Drittel imho einen ziemlichen Bruch. Vorher ist das Buch voll von den pointiert-vernichtenden Sätzen, für die man Kracht liest. Danach driften die Kernthemen (Deutsche Geschichte vs Familiengeschichte) in der Handlung für mich etwas auseinander. Wird zum Ende hin wieder besser. Aber immernoch einer der wenigen, der das "Deutsche" in wenigen Sätzen völlig demontieren kann. Auch das Großbürgertum der frühen BRD kriegt ordentlich sein Fett weg. Würde sich manche politische Bewegung ein Bisschen was davon abgucken, wäre viel gewonnen.

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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von Monkeyson » So 11. Apr 2021, 15:10

Monkeyson hat geschrieben:
Sa 27. Feb 2021, 16:56
slowdive hat geschrieben:
Fr 26. Feb 2021, 21:43
Eines der besten Bücher aller Zeiten. Hier wird unsere Gegenwart tasächlich so genial getroffen, wie wohl nirgens sonst – und das im Jahre 1996.
Dachte mir schon, dass du das warst. Wo kommt der Gegenwartsbezug her? Ich kann nur für die erste Hälfte sprechen, aber erinnere mich da an nichts, was visionär / wegweisend erschien. Nur noch an aufgereihte Absurditäten und Belanglosigkeiten, die alleine vom sprachlichen Stil getragen wurden.
Die Frage interessierte mich übrigens ernsthaft. Ich wollte da gar nicht groß dissen und würde DFW auch nie seine Virtuosität absprechen. Alles ne Frage des Zugangs, bei Pynchon und mir hat's komischerweise gleich geklappt. Vllt ja irgendwann auch mit Joyce und Wallace...

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Re: Was lest ihr gerade?

Beitrag von slowdive » Mo 12. Apr 2021, 17:14

Monkeyson hat geschrieben:
So 11. Apr 2021, 15:10
Monkeyson hat geschrieben:
Sa 27. Feb 2021, 16:56
slowdive hat geschrieben:
Fr 26. Feb 2021, 21:43
Eines der besten Bücher aller Zeiten. Hier wird unsere Gegenwart tasächlich so genial getroffen, wie wohl nirgens sonst – und das im Jahre 1996.
Dachte mir schon, dass du das warst. Wo kommt der Gegenwartsbezug her? Ich kann nur für die erste Hälfte sprechen, aber erinnere mich da an nichts, was visionär / wegweisend erschien. Nur noch an aufgereihte Absurditäten und Belanglosigkeiten, die alleine vom sprachlichen Stil getragen wurden.
Die Frage interessierte mich übrigens ernsthaft. Ich wollte da gar nicht groß dissen und würde DFW auch nie seine Virtuosität absprechen. Alles ne Frage des Zugangs, bei Pynchon und mir hat's komischerweise gleich geklappt. Vllt ja irgendwann auch mit Joyce und Wallace...
Alles gut, ich habe nur das Gefühl, dass ich, würde ich damit jetzt anfangen, wieder viel zu viel Zeit darein investieren müsste. Vielleicht später. :grin:


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