> Festival Community Magazin - klickst Du hier <

Der Konzertbesuchsthread

Konzerte, Platten & Musik im TV
Benutzeravatar
Wishkah
Beiträge: 15536
Registriert: Mo 14. Sep 2015, 08:49

Re: Der Konzertbesuchsthread

Beitrag von Wishkah » Mo 8. Jun 2026, 22:47

07.06.2026 Massive Attack (+ 47Soul), Zitadelle Spandau, Berlin

Ich war gestern bei Massive Attack in der Zitadelle Spandau in Berlin.

Bislang hatte ich die Trip-Hop-Pioniere aus Bristol, UK, einmal live gesehen, nämlich mit einem Late-Night-Headliner-Auftritt beim Hurricane Festival 2010. Lange ist es her. Zu dem Zeitpunkt war es sicherlich einer der besten live erlebten Auftritte in meiner noch relativ jungen Konzerthistorie. Insbesondere die visuelle Aufmachung in Verbindung mit der Darstellung politischer Botschaften hat mich damals beeindruckt. Musikalisch war das sowieso über jeden Zweifel erhaben. Entsprechend habe ich mir immer gewünscht, dieses Erlebnis noch einmal zu wiederholen. Das hat in den vergangenen 16 Jahren nur leider nicht geklappt...

Letztes Jahr sollte es dann endlich so weit sein. Ein Konzert in der Zitadelle Spandau in Berlin war angesetzt und die Vorfreude war groß. Am Tag des Konzerts kam leider die kurzfristige Absage. Das kommt bei der Band ja durchaus häufiger mal vor. Für den zweiten Versuch in diesem Jahr habe ich mir trotzdem wieder ein Ticket gekauft. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Dass der Auftritt beim Primavera Sound am vergangenen Donnerstag aufgrund eines Unwetters kurzfristig abgesagt werden musste, war für ein Open-Air-Konzert nicht der beste Vorbote. Dass ich gestern in die Bahn nach Berlin gestiegen bin und in dem Moment ein ordentliches Gewitter anfing, beruhigte die Sorgen nicht unbedingt. Aber zum Glück haben sich diese nicht bewahrheitet.

Der Einlass in der ausverkauften Zitadelle war für 17 Uhr angesetzt. Genau zu der Zeit kam ich auch an und war damit längst nicht der einzige Konzertbesucher. Es war schon gut was los auf dem Vorplatz. Bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen übrigens. Gegen 17:20 Uhr wurden die Schleusen geöffnet. Ich habe einen Platz ganz vorne an der Absperrung auf der rechten Bühnenseite eingenommen. Von dem zu erwartenden visuellen Spektakel wollte ich ja was sehen.

Eigentlich war der Konzertbeginn für 19 Uhr angekündigt gewesen. Bis dahin hatte sich das Gelände der Zitadelle auch sehr gut gefüllt. Tatsächlich ging es aber erst gegen 19:40 Uhr los. Den Abend eröffneten 47Soul, ein Shamstep-Duo aus Jordanien/Palästina, das mittlerweile in London ansässig ist. Musikalisch hat mir das nicht so wahnsinnig viel gegeben. Elektronische Beats, Synthesizer, dazu eine E-Gitarre und abwechselnd arabischer und englischer (Sprech-)Gesang. Das Publikum um mich herum hat den Auftritt ganz positiv aufgenommen. Es wurde viel getanzt. Das lag aber auch an der politischen Botschaft, die noch vor der Musik im Fokus stand: Für den Widerstand und gegen die Unterdrückung, vor allem bezogen auf Israel. Für mich stellte sich dabei die Frage, worum es eigentlich gehen sollte. Bin ich auf einem Konzert mit politischer Botschaft oder auf einer politischen Veranstaltung mit musikalischer Begleitung? Diese Frage sollte sich auch später beim Hauptact noch stellen. Nach einer guten halben Stunde war dann jedenfalls Schluss.

Es gab eine Umbaupause. Aufgrund der in der Zitadelle üblichen Curfew hatte ich eigentlich gehofft, dass die Pause nicht ganz so lange dauern würde. Es war ja mittlerweile schon etwas später. Meine Hoffnung war aber leider vergebens. Es hat die übliche halbe Stunde gedauert.

Um 20:40 Uhr ging es weiter. Auf der großen Videoleinwand wurde ein kurzer informativer Einspieler zu Marwan Barghouti abgespielt. Ein palästinensischer Politiker, der sich seit 2004 in lebenslanger Haft in Israel befindet. Der Einspieler endete mit der Bitte an das Berliner Publikum, dessen Sohn Arab Barghouti zu begrüßen. Dieser wurde dann von Robert "3D" Del Naja und Grant "Daddy G" Marshall, den beiden Kernmitgliedern von Massive Attack, auf die Bühne begleitet und durfte einige einführende Worte an die Menge richten, die mit "Free Palestine"-Rufen des Publikums einhergingen. Die politische Richtung des Abends war klar vorgegeben. Keine Überraschung, wenn man die Band und ihr politisches Engagement kennt.

Das eigentliche Konzert begann dann direkt im Anschluss mit "In My Mind", einem stimmlich verzerrten Cover von Gigi D'Agostino, das den Abend musikalisch einrahmen sollte. Bei ihrem einzigen Deutschlandkonzert in diesem Kalenderjahr präsentierte die Band dann eine Werkschau ihrer umfassenden Diskographie. Nach "Risingson", einem Song des wohl bekanntesten Albums "Mezzanine", wurden nacheinander erst die schottische Sängerin Elizabeth Fraser für "Black Milk" und dann der mittlerweile etwas in die Jahre gekommene Horace Andy für "Girl I Love You" unter großem Jubel auf der Bühne begrüßt. Ein richtig starker Einstieg.

Musikalisch gesehen war der Abend wirklich toll. Der Gesang war manchmal etwas zu leise, ansonsten war der Sound sehr nuanciert und vor allem druckvoll. Bei der Songauswahl stand das erwähnte Meisterwerk "Mezzanine" im Fokus. Wie sehr ich mich auf die Musik konzentrieren konnte, hing jedoch auch von den begleitenden Videos auf der großen Leinwand ab. Dort war nämlich ein Potpourri an politischen Inhalten zu sehen. Aufnahmen aus Kriegsgebieten, politische Machthaber und Unterdrücker, der Umgang mit Verschwörungstheorien, Überwachung, historische Entwicklungen in verschiedenen Ländern und eine nicht endende Auflistung aller möglichen Statistiken und Zahlen. Das hat häufig zum Nachdenken angeregt, war mir teilweise aber auch etwas zu plakativ und einfach. Die Botschaften waren dabei komplett auf Deutsch gehalten, wobei in der Übersetzung auch nicht immer alles funktioniert hat. Und woher die ganzen Informationen stammten, blieb für mich weitestgehend unklar. Vielleicht habe ich die Quellenangaben übersehen.

Das Konzert als solches hat mir am besten gefallen, wenn die Musik im Vordergrund stand und die Videoleinwand für eine passende visuelle Untermalung genutzt wurde. Das war zum Beispiel bei "Angel" mit Horace Andy der Fall. Oder bei dem großen Hit "Unfinished Sympathy", der mit der Sängerin Deborah Miller dargeboten wurde. Zusammen mit der Lichtshow war das schon wirklich eine beeindruckende Vorstellung. Auf "Levels", ein Cover des verstorbenen schwedischen DJs Avicii, hätte ich musikalisch verzichten können. Dafür gab es danach noch ein Highlight, als Elizabeth Fraser noch einmal für "Group Four" auf die Bühne kam, das mit dem eingangs erwähnten "In My Mind" abgeschlossen wurde. Gegen 22:20 Uhr, wenige Minuten vor der Curfew, wurde das Konzert dann mit "Teardrop" beendet. Ein Song für die Ewigkeit, wie im Original auf dem Album auch hier gesungen von Elizabeth Fraser. Ein großartiges Finale und ein würdiger Abschluss.

Insgesamt bin ich noch etwas zwiegespalten. Musikalisch war der Abend unheimlich schön. Die Songs von Massive Attack bleiben auch nach über 30 Jahren zeitlose Klassiker. Und wenn live dann noch der Original-Gesang von Elizabeth Fraser oder Horace Andy dargeboten wird, ist das schon sehr besonders. Auch mit dem politischen Aktionismus kann ich grundsätzlich leben. Ist ja nun auch nicht so, als wäre das eine Überraschung gewesen. Ganz im Gegenteil, das gehört mittlerweile untrennbar zur Band dazu. Ich weiß nur nicht, ob mir das in einigen Momenten nicht zu einfach dargestellt wird. Es gibt so komplexe politische Inhalte und Fragestellungen, bei denen es mir schwerfällt, wenn mir als Konzertbesucher eine abschließende Antwort schwarz auf weiß im Video zu einem Song aufgedrückt wird. Manchmal funktioniert das vielleicht. An einigen Stellen fühle ich mich dabei nicht so wohl. Insbesondere dann, wenn politische Botschaften – so richtig sie auch sein mögen – zu quasi inhaltsleeren Mitgröhlparolen verkommen.

Ich denke auf jeden Fall weiter darüber nach und genieße währenddessen die Musik. Wenn das das Ziel des Konzerts war, wurde die Mission erfüllt.


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 21 Gäste