Ich war am Montag bei Radiohead in London. Mein letztes Konzert von ihnen war 2017 auf dem Glastonbury Festival. Der Abend damals fühlte sich ein bisschen wie ein runder Abschluss an. A Moon Shaped Pool war in den Setlisten bereits in den Hintergrund gerückt, stattdessen gab es ein Best Of ihrer gesamten Diskographie (über Pablo Honey reden wir nicht). Über 7 Jahre war es still um die Band und es hätte mich nicht gewundert, wenn es das gewesen wäre.
Laut Interview mit Ed O’Brien aus dem Oktober war meine Einschätzung gar nicht so falsch, denn er hatte mit der Band abgeschlossen. Doch vor ein paar Monaten fing es an zu rumoren in den Gerüchteküchen der Fan-Foren. Scheinbar hatte die Band nach der längsten Pause ihrer Karriere wieder zueinandergefunden. Die Spekulationen waren so konkret, dass Fans bereits vor der offiziellen Ankündigung im September Hotels buchten. Fünf Städte, jeweils vier Shows. Da ich ziemliches Glück im Vorverkauf für die Shows in Berlin hatte, wollte ich auf andere Städte verzichten. Als sich in einem der Fan-Foren eine Chance für London aufgetan hatte, habe ich doch zugeschlagen.
Nach Tourstart war ich allerdings skeptisch. Kein neues Material, für Radiohead verhältnismäßig wenig Varianz zwischen den Shows. Diskussionen rund um das Thema Legacy Band gingen los. Einerseits freute ich mich, dass es nach 8 Jahren endlich wieder soweit ist, andererseits hatte ich wenig Lust auf eine halbgare Reunion Show.
Am Ende wurde ein verlängertes UK-Wochenende mit Besuch in Oxford daraus. Dort findet noch bis Anfang Januar die Ausstellung This Is What You Get im Ashmolean Museum statt. Mit Original-Artworks, Skizzen und weiterem Material wird die visuelle Welt von Radiohead rund um Stanley Donwood und Thom Yorke ausgeleuchtet. Für Fans eine schöne Sache, die Originale der Albencover zu sehen. Ob man ohne Bezug zur Band viel Spaß an der Ausstellung hat, kann ich nicht beurteilen. Zur Einstimmung hat es mir jedenfalls geholfen.
Langsam kam ich also in Stimmung und die Atmosphäre rund um The O2 ließ die Vorfreude weiter steigen. Es gab einen Merch Shop, der bereits tagsüber offen hatte und überall um die Location hingen Plakate und Banner mit Artwork und Lyrics. Dann ging alles schnell. Noch kurz ein Cider mit den Foren-User:innen getrunken, aber da es keinen Support gab, legten Radiohead direkt um 20:30 Uhr los.
Die Bühne in der Mitte der Arena war ein 12-eckiges Konstrukt mit 12 transparenten Leinwand-Panels. Den ersten Song spielte die Band komplett dahinter und war von schön diffusen Visuals umhüllt. Erst danach lüfteten sich die Panels wie ein Vorhang und bewegten sich den Rest des Konzerts auf und ab.
Zum Start gab es einen ungewöhnlichen Opener. Planet Telex war dennoch eine hervorragende Wahl, denn zusammen mit 2 + 2 = 5 und Sit Down. Stand Up war der Start ins Set schön wuchtig. Meine Sorgen rund um die Shows waren schnell verflogen, denn ich war baff, wie druckvoll die Band klang. Die Freudentränen kamen schnell und konnten spätestens bei Lucky nicht mehr zurückgehalten werden.
Perfekt für mich: Es sollte das In Rainbows-lastigste Konzert der Tour werden. 6 Songs gab es zu hören und so kam ich allein in der ersten Konzerthälfte in den Genuss von 15 Step, Videotape und Weird Fishes/Arpeggi. Mir kam schnell eine Frage auf, die ich bis heute nicht ganz beantworten kann: Hab ich vergessen, wie gut die Band live klingt oder habe ich sie noch nie so gut gehört?
Ich tendiere fast zu Letzterem. Viele Songs haben leicht veränderte Arrangements verpasst bekommen, die eine starke Wirkung hatten. Grund dafür könnte ihr neuer zweiter Drummer, Chris Vatalaro, sein. So hört man in manchen Songs noch einen zusätzlichen Synthie oder gar ein bisschen Flötenspiel.
Bei einer derart vielfältigen Diskographie frage ich mich oft, wie man einen roten Faden hinkriegt, aber es hat funktioniert. Mit No Surprises, dem wunderschönen Daydreaming oder Let Down gab es immer wieder Verschnaufpausen, bevor mit The National Anthem oder Bodysnatchers das Tempo wieder angezogen wurde. Die Stimmung war das ganze Konzert über fantastisch. Die Leute wussten in den richtigen Momenten ihre Klappe zu halten, aber haben ordentlich laut mitgesungen, wenn es der Song hergab.
Das Main Set verging also wie im Fluge, doch die Zugabe sollte es in sich haben. Fake Plastic Trees war ein riesiger Singalong, aber die größte Überraschung für mich folgte darauf mit Jigsaw Falling Into Place. Die komplette Halle war am Ausrasten. Alle am Tanzen, Singen und Jubeln. Der Song entwickelte einen hypnotischen Sog. Es ist vermutlich mein Lieblingssong von ihnen, aber ich hätte nicht mit so einer heftigen Publikumsreaktion gerechnet. Gänsehaut von der ersten bis zur letzten Sekunde.
Die Stimmung blieb für die restliche Zugabe ähnlich euphorisch. Paranoid Android, All I Need, You And Whose Army?, Just und Karma Police bildeten den Abschluss des Konzerts.
Meine Sorge um das Konzert war somit unbegründet. Das war vielleicht der beste Konzertabend meines Lebens, denn es hat einfach alles gepasst. Eine unglaublich tighte Band voll Spielfreude, die intensive Stimmung und eine nahezu perfekte Setlist. Die Vorfreude auf die Berlin Shows ist nach dem ersten Konzert enorm.
Wie es nach der Tour weitergeht, ist unklar. Ich bleibe dabei, dass ich es unschön fände, wenn sie jahrelang ohne neues Material touren (Grüße gehen raus an LCD Soundsystem). Sollte es nach dieser Tour vorbei sein, dann kann man immerhin nicht sagen, dass ihr künstlerisches Erbe durch die Tour Kratzer erlitten hätte. Im Gegenteil.
Der Konzertbesuchsthread
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