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...mir geht's halt einfach scheiße

Von Spam bis Gott und die Welt
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PrinzWachtel
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...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von PrinzWachtel » Mi 19. Okt 2016, 01:00

Der ein oder andere hatte sich gewundert, warum ich einfach so plötzlich wie vom Erdboden verschluckt war. Das hat mich einerseits sehr gefreut, andererseits möchte ich es gerne zum Anlass nehmen einen kleinen Schwank aus der vergangenen Zeit zu erzählen.

Psychische Krankheiten sind nach wie vor ein großes Tabu in unserer Gesellschaft und viele Menschen sehr unbeholfen oder halt eben unerfahren und leider sogar ignorant, wenn es darum geht mit dem Thema umzugehen. Ich habe mal gehört darüber reden hilft und ich tue dies hiermit. Ich biete mich gleichzeitig an, mich jeglichen Fragen zu stellen und sie so gut ich kann zu beantworten, wenn ich es denn kann oder auf entsprechende Quellen oder Ansprechpartner zu verweisen. Es gibt keine peinlichen oder dummen Fragen. Man darf mich auch gerne per PM kontaktieren, wenns nicht öffentlich sein soll.

Ich leide mein Leben lang schon unter Depressionen.
Letzten Sommer habe ich mit 25 Jahren endlich verstanden was mit mir los ist und angefangen dagegen zu kämpfen.

Da Psychologen-Suche hart scheiße ist und ich dank Vermeidungstaktik auch noch Streß mit meiner Krankenkasse gekriegt habe, sah ich Ende Januar 2016 keinen anderen Ausweg mehr und ließ mich auf die Warteliste einer psychiatrischen Klinik setzen. An Ostern bin ich eingezogen und nach drei Monaten und einmaligem Stations-Wechsel durfte ich die Klinik verlassen.

Geheilt bin ich nicht und auch immer noch in Therapie, aber ich glaube die Klinik hat mir das Leben gerettet, außerdem spüre ich Unterschiede also ist die Richtung in die ich mich bewege schon mal sehr gut.


Ich habe vorher gesagt, dass ich seit meiner Kindheit mit Depressionen zu kämpfen habe, manche mögen sich vielleicht fragen, warum ich so spät erst gemerkt habe, dass es überhaupt Depressionen sind. Das frage ich mich im Nachhinein auch, denn jetzt wo ich all die Anzeichen kenne liegt es für mich absolut auf der Hand.
Die Depression wird leider immer noch missverstanden. Ich dachte früher auch, wenn man depressiv ist, weint man einfach viel. Dass man durch eine Depression aber auch gereizt sein kann, sich von sozialen Kontakten zurück zieht, sich einsam fühlt, wütend auf sich selber und andere oder enttäuscht von sich selber sein kann, das wusste ich nicht.
Dass die Depression eine Krankheit ist, die körperliche Ursachen hat, dass Medikamente keineswegs den Charakter ändern können und dass die Depression es sogar schafft Körperliche Schmerzen hervorzurufen, war mir nicht bekannt.

Mir wurde mein Leben lang eingeredet, ich sei faul. Irgendwann habe ich das geglaubt. Man macht sich selber fertig für etwas, wofür man gar nichts kann. Könnt ihr euch die Abwärtsspirale vorstellen? Oftmals sieht eine Depression für Aussenstehende nicht aus wie eine. Man erlebt den Gegenüber als gereizt und oft kommen dann so Sätze wie "der meldet sich ja auch nie und wenn man ihn sieht motzt er nur... ich hab keinen Bock mehr mich bei dem zu melden!" die den Depressiven noch mehr in die Einsamkeit, Selbstzweifel und -vorwürfe treiben.

"Mach doch einfach!" war mein Leben lang der schlimmste Satz ever. Stellt euch vor das Leben ist ein Abhang. Links und rechts sehe ich Leute die auf schönen Steinstufen hinauf schreiten können, während ich nur eine steile Matschstraße zur Verfügung habe, an der ich mich verzweifelt festklammere um nicht weiter hinab zu rutschen. Die mit der Treppe haben einfach reden, für die ist es ja schließlich kein Kraftakt nur schon aufzustehen.

Ich würde mich freuen, wenn der ein oder andere sich aufrafft um sich über Depressionen zu informieren, die Deutsche Depressionshilfe hat eine sehr gute Homepage mit vielen Infos, die schön und einfach erklärt sind.
Der Text ist jetzt schon viel länger als ich wollte und doch habe ich das Gefühl nichts gesagt zu haben. Wie gesagt ihr seid herzlich eingeladen alle möglichen Fragen zu stellen, auch persönlicher Natur, ich beantworte sie gerne wenn es dem Verständnis für psychische Krankheiten in dieser Welt hilft.

Als allerletztes bleibt mir nur zu sagen, dass die Depression sowie andere geistige Krankheiten reale Krankheiten wie z.B. Knochenbrüche sind. Man kann sie nur leider nicht sehen oder auf dem Gips unterschreiben.
Keiner sollte sich schämen oder Angst davor zu haben mit jemandem darüber zu reden, wie es ihm geht.

Edit: Oh und dieser Thread soll natürlich auch dafür da sein, offen anzusprechen wenns einem einfach mal brutal scheiße geht. Weil das ist nämlich total okay habe ich gelernt, selbst es öffentlich zu zeigen anscheinend. War mir neu.
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slowdive
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Re: ...mir geht's halt einfach schei

Beitrag von slowdive » Mi 19. Okt 2016, 01:26

falls ich mich morgen danach fühle, werde ich gerne ein wenig ausführlicher antworten, nun ist aber schon 01 uhr durch und ich bin eindeutig zu müde.

aber so oder so: sehr guter beitrag. und dass du wieder zurückgefunden hast, freut mich und mit sicherheit auch alle anderen chaoten hier natürlich sowieso sehr. welcome back! ^_^

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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von mattkru » Mi 19. Okt 2016, 07:38

Ich war hier auch die letzten drei Monate nicht präsent. Meine allgemeine Ausgebrandheit hatte einen neuen Höhepunkt erreicht. Außerdem kann man sagen, das mein Ehe (dank verschiedener Faktoren) ziemlich am Kriseln war. Mittlerweile ist alles zumindest wieder aus dem roten Bereich raus.

@PrinzWachtel: Diverse Aspekte von denen du schreibst, kenne ich von meiner Frau. Insofern kann ich das alles schon recht gut nachvollziehen.

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Baltimore
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von Baltimore » Mi 19. Okt 2016, 10:06

PrinzWachtel hat geschrieben:
Ich leide mein Leben lang schon unter Depressionen.
Letzten Sommer habe ich mit 25 Jahren endlich verstanden was mit mir los ist und angefangen dagegen zu kämpfen.

Da Psychologen-Suche hart scheiße ist und ich dank Vermeidungstaktik auch noch Streß mit meiner Krankenkasse gekriegt habe, sah ich Ende Januar 2016 keinen anderen Ausweg mehr und ließ mich auf die Warteliste einer psychiatrischen Klinik setzen.
Danke für den Post. Ich habe mich hier selten in einem Posting so wiedergefunden. Bei mir sieht das ähnlich aus, aber ich muss mich jetzt erst noch einmal mit meiner KK rumschlagen. Privat versichert zu sein, macht nicht alles einfacher. Und es gibt für mich kaum etwas schlimmeres als fremde Leute anzurufen, die einem dann auch noch eine Absage erteilen. Jeder Anruf scheint ein unüberwindbares Hindernis zu sein. Bin jetzt aber immerhin schon beim Neurologen auf der Warteliste. Das ist dann immerhin schon ein erster kleiner Schritt.
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von dattelpalme » Mi 19. Okt 2016, 11:15

tja, ich kann mich da auch nur anschließen. einen höhepunkt hatte ich nach meiner letzten trennung, woraufhin ich auch eine behandlung angefangen hatte, diese aber recht schnell wieder abbrechen musste, da ich den wohnort gewechselt hab.
momentan komme ich damit relativ gut klar, aber besonders im winter kann es wieder sehr unangenehm werden. zur zeit macht mir allerdings eher zu schaffen, die quasi-diagnose multiple sklerose erhalten zu haben, die ich nie wieder loswerde, nicht weiß, wie sie entstanden ist und wie sie sich entwickelt bzw. was auf mich zukommt, ständig rennereien zwischen hausärztin, klinik, neurologen habe und mich derzeit auch noch nicht in guten händen aufgehoben fühle, was die sache wirklich sehr belastend für mich macht - ohnehin schon, mit der diagnose fertig zu werden. das erste, wozu mir meine hausärztin geraten hat, war eine psychotherapie...
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von elch » Mi 19. Okt 2016, 11:26

Sind Depressionen heilbar oder geht es darum die Dauer und Intensität der Phasen zu verringern?
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von mattkru » Mi 19. Okt 2016, 11:46

Mein Halbwissen sagt mir, das man bestimmte Stoffwechselvorgänge im Kopf mittels Medis 'positiv' beeinflussen kann (z.B. Cipralex und Prozac als Serotonin-Wiederaufnahmehemmer)

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ThomZorke
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von ThomZorke » Mi 19. Okt 2016, 12:25

elch hat geschrieben:Sind Depressionen heilbar oder geht es darum die Dauer und Intensität der Phasen zu verringern?
Da die Ursachen äußert vielfältig sind, gibt es zahlreiche Behandlungsmethoden, die von Schlafhygiene, über Ernährungsumstellung, Medikation, bis hin zu verschiedenen Arten der Psychotherapie reichen. Dadurch ist eine Heilung durchaus möglich. Allerdings ist das Rückfallrisiko bei Depressionen leider sehr hoch.

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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von Quadrophobia » Mi 19. Okt 2016, 12:29

Ganz wichtiges Thema!

Ich finde es immer wieder schlimm, wie dürftig teilweise die Versorgung in diesem Bereich ist, obwohl inzwischen bekannt ist, wie viele Menschen von Depressionen betroffen sind. Ich finde es sehr stark, dass du das hier offen ansprichst. Ich muss leider sagen, dass das Verhaltensmuster, dass du oben beschreibst, in dem jemand, der sich nicht mehr meldet einfach abgeschrieben wird, leider auf mich zutrifft. Ich hatte gegen Ende meiner Schulzeit einen Freund, zu dem ich während ich im Ausland war, etwas den Kontakt verloren habe. Als ich dann wieder da war, hab ich von gemeinsamen Freunden gehört, dass es ihm "nicht gut geht". Wir haben uns ein paar mal getroffen, unter anderem aber wohl wegen der Krankheit (die ich damals nicht als solche begriffen hab, sondern eher als Phase) war es für ihn arg schwer den Kontakt aufrecht zu erhalten. Anstatt da mal über meinen Schatten zu springen, hab ich drauf beharrt, dass er sich mal melden muss. Nachdem uns im Freundeskreis dann irgendwann endlich klar war, dass er unter Depressionen leidet, waren die meisten von uns einfach schon viel zu weit von ihm weg (sowohl räumlich, als auch freundschaftlich).
Ich möchte den Fehler nicht noch ein Mal machen und ich glaube es ist sehr wichtig darüber zu reden, wie sich Depressionen äußern, wie man sich fühlt, was man kann und was einen vor unlösbare Probleme stellt. Einerseits, weil es denke ich hilft, seine Gefühle mit anderen zu teilen und weil es den anderen hilft zu verstehen, wie man damit umgehen kann.

Barney84
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von Barney84 » Mi 19. Okt 2016, 12:31

Ein großes Problem ist halt erstmal die richtige Diagnose zu bekommen. Das ist gerade in dem Bereich durchaus kompliziert.
Werde mich auch nochmal ausführlicher hier äußern, wenn ich die Ruhe dafür habe.

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elch
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von elch » Mi 19. Okt 2016, 12:37

mattkru hat geschrieben:Mein Halbwissen sagt mir, das man bestimmte Stoffwechselvorgänge im Kopf mittels Medis 'positiv' beeinflussen kann (z.B. Cipralex und Prozac als Serotonin-Wiederaufnahmehemmer)
ich kenne die ungefähre wirkweise von psychopharmaka. habe beruflich auch damit zu tun. bin aber kein psychotherapeut oder neurologe
die frage ging eher in die richtung von thoms antwort. also in richtung: ein gebrochener ar, gips und warten, fertig.
meine erfahrung geht auch eher in die richtung einer einzelfallentscheidung für die es kein patentrezept gibt.
ThomZorke hat geschrieben:
elch hat geschrieben:Sind Depressionen heilbar oder geht es darum die Dauer und Intensität der Phasen zu verringern?
Da die Ursachen äußert vielfältig sind, gibt es zahlreiche Behandlungsmethoden, die von Schlafhygiene, über Ernährungsumstellung, Medikation, bis hin zu verschiedenen Arten der Psychotherapie reichen. Dadurch ist eine Heilung durchaus möglich. Allerdings ist das Rückfallrisiko bei Depressionen leider sehr hoch.
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von mattkru » Mi 19. Okt 2016, 13:43

Ich befürchte der Don taucht hier bald auf und verkündet, das der 'Glaube an Jesus' die Heilung bringt .

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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von s-nke » Mi 19. Okt 2016, 14:04

Ich kann mir vorstellen, dass es für dich schon ein großer Schritt ist so offen darüber zu reden und das deute ich einfach mal als sehr gutes Zeichen. :thumbs: Freut mich auch sehr mal wieder was von dir zu hören, Wachtel!

Bei mir in der Familie ist eine anscheinend relativ kurze Depression leider schon mal im Schlimmsten geendet. Derjenige hat damals aber auch mit niemandem darüber gesprochen und es dann erst kundgetan als es schon zu spät war. Das war enorm schlimm und ich denke einem selber und auch den Menschen im Umfeld ist immer mehr geholfen wenn solche Probleme kommuniziert werden - auch wenn das von außen natürlich extrem schwer zu beurteilen ist. Daher auch prinzipiell mal ein DANKE an euch und viel Glück auf eurem weiteren Weg in die richtige Richtung!!! :smile:
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von Ruby » Mi 19. Okt 2016, 18:03

elch hat geschrieben:Sind Depressionen heilbar oder geht es darum die Dauer und Intensität der Phasen zu verringern?
Total unterschiedlich.

Ich hatte mal eine depressive Verstimmung; bin aber erst Jahre später dahinter gekommen - da ich mittlerweile beruflich mit psychischen Erkrankungen zu tun habe. Seitdem nicht mehr, aber ich weiß, dass Tendenzen dazu da sind.

Im Beruf erlebe ich ja nur die Härtefälle, die immer wieder oder auch ständig depressiv sind. Aber es gibt auch Menschen, die haben das einmal im Leben und dann nie wieder. Gerade bei psychischen Erkrankungen muss man von Verallgemeinerungen wirklich Abstand nehmen, da es DIE Depression oder DIE Schizophrenie einfach nicht gibt. Dementsprechend ist es auch schwierig da Tipps oder Empfehlungen bezüglich zu Medikamenten zu geben. Psychiater sind sich da auch nicht immer einig.

Und nein, Menschen mit Depressionen weinen eher nicht. Die Problematik ist doch meist eher die innere Leere. Wie auch bei der Manie, aber da gehen die Symptome in eine komplett andere Richtung.

Wünsche dir alles Gute!!
Zuletzt geändert von Ruby am Mi 19. Okt 2016, 18:07, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von Flecha » Mi 19. Okt 2016, 18:07

Danke für den Beitrag und definitiv schön, dass du wieder da bist.

Hatte zu dem Thema im Grunde auch nie so wirklich eine Ahnung, kannte niemanden bis sich die Fälle sogar im engsten Kreis in den letzten Jahren doch stark gehäuft haben. Mein Onkel hat sich 2010 in der Folge das Leben genommen, einer meiner besten Freunde hat erst seine Beziehung dadurch verloren und ein weiterer guter Freund hatte in diesem SOmmer eine Art BurnOut mit Panikattacken und allem drum und dran.

Eigentlich fühle ich mich selbst immer als Typ, mit dem man gut reden kann - auch oder gerade mal über ernstere Themen. Dort habe ich aber festgestellt, dass (natürlich eben auch durch das Nichtwissen) an irgendeiner Stelle Schluss war, Macht- und Ratlosigkeit. Der gute Freund mit den Depressionen ist ohne Behandlung selbst aus dem schlimmsten rausgekommen, hat dafür aber sein Leben komplett umgestellt. Aktuell geht es ihm ziemlich gut, aber die 2 Jahre waren echt schlimm. Er hatte sich dann auch eine längere Zeit mal nicht gemeldet und Freundin und ich sind davon ausgegangen "ach, so ist das bei dem eben" und "wir haben ja zuletzt gefragt". Nicht gut. Er ist dann tatsächlich eben mit mit dieser Aussage, Depressionen zu haben, auf uns zugekommen. Haben dann einige Male geredet und die Missverständnisse, die zuvor aufgekommen waren, aus der Welt geschafft. Das war zumindest mal sehr gut.

@dattelpalme: Fuck. Inwiefern das auch immer hilft, wünsche ich dir viel Kraft auf dem Weg, den du da beschreiten musst...
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von Ruby » Mi 19. Okt 2016, 18:09

Ach scheiße Dattelpalme, das tut mir leid. :sad:
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dattelpalme
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von dattelpalme » Do 20. Okt 2016, 12:12

kannst du ja nix für ;)
aber danke euch für die anteilnahme
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PrinzWachtel
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von PrinzWachtel » Do 20. Okt 2016, 15:37

Mit so viel Resonanz hätte ich nicht gerechnet. Schön das hier so viele, so viel privates von sich geben auch wenn die einzelnen Geschichten leider nicht so schön sind. Ich freue mich total darüber mit welcher Offenheit das ganze hier empfangen wird. Ich glaube das ist nämlich sowieso das wichtigste. Solange man sich solchen Themen nicht verschließt und bereit ist auch von vielleicht ursprünglichen Meinungen abzukommen haben alle gute Chancen auf dieser Welt :)
Baltimore hat geschrieben:Und es gibt für mich kaum etwas schlimmeres als fremde Leute anzurufen, die einem dann auch noch eine Absage erteilen. Jeder Anruf scheint ein unüberwindbares Hindernis zu sein. Bin jetzt aber immerhin schon beim Neurologen auf der Warteliste. Das ist dann immerhin schon ein erster kleiner Schritt.
Boah das! So sehr das! Ich hasse telefonieren, ich telefoniere noch nicht mal mit meiner Familie oder so. Ich bin so wütend, dass es kaum Psychologen gibt, bei denen man sich per Email melden kann oder generell ein Wartelistensystem was nicht darauf basiert 1000 Menschen anzurufen und von 999 eine Absage zu kassieren.
Ich wünsche dir alles gute und hoffe das klappt. Übrigens muss man nicht immer alles alleine machen, ich habe lernen dürfen dass einem ganz ganz viele Menschen auf der Stelle helfen, wenn man sie denn einfach nur fragt.
elch hat geschrieben:Sind Depressionen heilbar oder geht es darum die Dauer und Intensität der Phasen zu verringern?
Was mir quasi jeder Arzt, Psychiater und Psychologe gesagt hat: "Depressionen sind sehr gut behandelbar und heilbar." Das stimmt in sofern, dass man aus einer einzelnen (wenn es die erste) depressiven Episode gut hinaus kommen kann und dann quasi nicht mehr depressiv ist. Leider gibt es gerade bei Depressionen eine relativ hohe Rückfallquote die mit vielen Faktoren zusammen hängt. Hatte man schon mehrere Episoden steigt die Quote, kann aber auch damit zusammenhängen dass man Medikamente zu früh absetzt, keine weiterführende Therapie macht, persönliche Schicksalsschläge etc.
Generell ist die Frage aber mit ja zu beantworten, Depressionen sind heilbar. Viele Menschen hatten in ihrem Leben eine depressive Episode (bei der man im Durchschnitt von einer Dauer von 16 Wochen ausgeht) und danach nie wieder oder waren überhaupt nicht in Behandlung.
Ruby hat geschrieben: Und nein, Menschen mit Depressionen weinen eher nicht. Die Problematik ist doch meist eher die innere Leere.
Die hatte ich ganz vergessen aufzuzählen aber ja du hast vollkommen recht. Irgendwann macht nichts mehr Spaß und man kann sich kaum noch vorstellen irgendwann einmal Freude empfunden zu haben.
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Taksim
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von Taksim » Do 20. Okt 2016, 23:15

Vielen, vielen Dank für diesen Thread!
Ich habe großen Respekt vor der Offenheit von allen hier. Das ermutigt mich, meine Geschichte mitzuteilen, was vielleicht eine Brücke sein kann, um zurück in dieses Forum zu finden.

Bei mir hat sich vielleicht auch der eine oder die andere gefragt, warum ich so schlagartig wie vom Erdboden verschluckt war. Zumindest ein paar könnten sich noch an mich erinnern. Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm.
So wortlos wegzubleiben fand ich selber scheiße, ging aber nicht anders.

Kurz bevor ich damals (2014) aus London wiederkam hatte ich ein Knalltrauma. Eine Schulglocke (nach altem Modell, also blechernd, schrill, hoch und laut) ist direkt neben meinem Ohr losgegangen. Sofort hatte ich große Schmerzen. Der längerfristige Effekt war jedoch, dass ich den folgenden Sommer eine wahnsinnige Sensibilität gegenüber allen möglichen Geräuschen entwickelt hatte. So gut wie jede alltägliche Situation war auf einmal problematisch.
Am allerschlimmsten war jedoch, dass mir schlagartig das für mich allerwichtigste genommen wurde: Musik. Das könnt ihr hier wahrscheinlich so gut nachvollziehen, wie kaum jemand sonst.
Dieser Mix aus tatsächlichem Schmerz und kompletter Entsagung von allem was mir Freude bereitet und mich zu dem macht der ich bin (Musik hören/machen/schreiben, Konzerte, Festivals, Stadion, Partys, Kino, Reisen, und was nicht sonst noch alles) hat mich in eine tiefe Depression gestürzt. Und alles was irgendwie Bezug zu diesen Dinge hatte, wie z.B. der Austausch in diesem Forum hier, hat sofort große Trauer ausgelöst. Deshalb konnte ich nicht bleiben.

Die Zeit seitdem lässt sich als ein großes Auf und Ab zusammenfassen. Im Zuge dieser ganzen Geschichte wurde festgestellt, dass meine Ohren dringend operiert werden mussten, da meine Trommelfelle eingezogen waren und drohten zu verwachsen. Dadurch funktionierte u.a. auch nicht der Druckausgleich (der Rückflug aus London war eine Qual). Um das in den Griff zu kriegen wurde ich innerhalb des letzten Jahres vier Mal operiert. Im Nachhinein hat sich meine Lautstärke-Empfindlichkeit jedes Mal aufs Neue verändert.

Jetzt bin ich an einem Punkt, wo physisch/operativ nichts mehr zu machen ist. Die Idee ist nun, die Ohren zu desensibilisieren. Nächste Woche fange ich mit einem Hörtraining an. In guten Phasen halte ich ein bisschen was aus und kann dann auch Musik hören (wo ich mich mal wieder ein bisschen wie ich selbst fühle; das ganze ist vor allem eine große Identitätskrise). Aber es reicht ein falsches Geräusch (das nicht mal objektiv laut sein muss) und es ist mindestens ein paar Tage, wenn nicht länger, alles Zunichte und jedes weitere Geräusch tut weh. Momentan habe ich z.B. wieder Schmerzen. Ich kann nie etwas im Voraus planen, weil ich nie weiß wie es mir gehen wird.

Es ist nach wie vor sehr belastet und ich habe keine Ahnung wie viel ich zu den Diskussionen hier beitragen kann. Ich weiß auch nicht, ob ich je wieder auf ein Festival oder in ein Konzert gehen kann. Aber durch diesen Thread fühle ich mich motiviert, wenigstens wieder ein bisschen miteinzusteigen. Ich finde es nämlich extrem cool, dass ihr das hier aus dem Boden gestampft habt. Soweit es mir möglich war, habe ich mitgelesen.

Ich hoffe, ich kann so einen Übergang herstellen. Und wenn ich mich mal wieder eine Zeit lang nicht melden sollte, wisst ihr was los ist.
Sonstige Begleitung (nachdem ich zwei Jahre psychologische Verhaltenstherapie hatte) habe ich ebenfalls in Form von Schmerztherapie. Hat aber auch gerade erst angefangen...

An alle, die sich das komplett durchgelesen haben: Danke! Das wollte ich schon längst geschrieben haben.

--------

@dattelpalme: Das tut mir so Leid! Ich hoffe sehr, dass es sich für dich irgendwie beherrschbar gestaltet. In solchen Situationen hat man nur so beschissen plattgetrettene Floskel, aber bleib irgendwie stark, ok?
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von Flecha » Do 20. Okt 2016, 23:58

Erst einmal: Echt schön, dich mal wieder zu lesen - in der Tat hast du gefehlt ab dem Moment, wo du nicht mehr im Forum geschrieben hast. Freut mich sehr. Zu deiner Geschichte: Oh wow... Respekt davor, wie du das aushältst. Ich glaube, das kann sich hier kaum einer wirklich vorstellen. Hoffe für dich, dass du deine Situation weiter verbessern kannst, vllt ein dauerhaft akzeptables "Niveau" schaffen o.ä.
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von Declan_de_Barra » Fr 21. Okt 2016, 00:06

Will eigentlich mehr schreiben, erstmal: Ganz wichtiger Thread, danke an alle die uns teilhaben lassen an ihren Erfahrungen. Dabei natürlich auch jedem alles gute für die Zukunft, alle Daumen sind gedrückt.

Taksim, dich habe ich immer sehr gerne gelesen, habe mich tatsächlich häufig gefragt, wo du abgeblieben bist. Deshalb ist es schön von dir zu hören, auch wenn es wegen eines schlechten Anlasses ist. Dir natürlich auch alles alles gute.

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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von s-nke » Fr 21. Okt 2016, 00:33

Taksim, sehr schön das auch von dir zu hören. Gute Besserung und ganz ehrlich alles, alles Gute auf deinem weiteren Weg. Dass du hier in der Lage bist darüber zu reden ist denke ich schon mal ein ganz wichtiger Schritt. :smile:
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von der_dicke_michel » Fr 21. Okt 2016, 01:11

vielen dank euch allen für diese offenheit. schön, wieder von den verschollenen zu hören. auch wenn das ein öffentlicher raum ist, scheint dieses forum ein guter ort für dieses dunkle und sehr private thema zu sein.
ich hatte eine depressive episode nach dem tod unseres sohnes oskar. da ging ausser arbeiten fast gar nichts mehr. ich hatte aber auch das glück, eine tolle therapeutin gefunden zu haben, die mich ein dreiviertel jahr gut begleitet hat. etwa ein, zwei jahre war ich auch in einer selbsthilfegruppe für verwaiste eltern, die meine frau heute noch besucht. auch die menschen in der gruppe haben mir sehr geholfen.
heute bin ich so stabil wie noch nie zu vor in meinem leben und ich traue mir zu, mittelfristig auch professionell "den traurigen die welt zu erklären", wie tomte so schön singen.
gerade jetzt bin ich bei meiner mutter, um sie und ihren mann (und einen meiner besten freunde) zu unterstützen, der im sterben liegt. insofern bin ich in diesem thread trotzdem richtig. ich hoffe, er schafft es diese nacht und muss sich nicht noch tagelang quälen.
euch allen ein glück auf!
FLORA BLEIBT!

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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von Taksim » Sa 22. Okt 2016, 19:28

Danke für den Zuspruch! Ist echt schön, das zu lesen.
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Re: ...mir geht's halt einfach scheiße

Beitrag von MetalFan94 » Sa 22. Okt 2016, 21:41

Ja das Thema Depressionen ist auch in meinem Leben aktueller den je.

Mein Bruder war schon vor Jahren mal über 2 Jahre in einer Therapie wegen Depressionen und ich hab auch schon kurzzeitig in einem Kinderheim in Bochum gearbeitet, wohl ich auch viel mit Depressionen und Traumata zu tun hatte.
Vor 3 Jahren wurde dann meine damals beste Freundin (auch dank meiner Hilfe) in die Psychiatrie eingewiesen und ist jetzt nach ihrem 2ten Aufentahalt dort und Flashbacks geheilt.

Aktuell hat meine MUtter starke Depressionen und nimmt Antidepressiva und meine Freundin steht auf der Warteliste für die Psychiatrie.
Das belastet mich z.T. auch selber stark. Wenn du neben der Person liegst, die du liebst und sie wie aus dem nichts in tränen ausbricht und am ganzen Körper zittert und du im Prinzip nichts machen kannst, als sie in den Arm zu nehmen. Ich hab sie nach viel hin und her zu einer Therapie und zur einer Einweisung überreden können. Ihre Hausärztin hat mir dabei auch recht gegeben und in der Vordiagnose : Verdacht auf Borderline angegeben.
Mal sehen ob sich das bestätigt. Hoffe, dass es ihr danach besser geht und unsere Beziehung dann auch wieder besser läuft.
Just because you're paranoid doesn't mean they're not after you


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