> Festival Community Magazin - klickst Du hier <

Contra-Thread

Von Spam bis Gott und die Welt
Benutzeravatar
Stebbie
Hausmeister
Beiträge: 5838
Registriert: Di 15. Sep 2015, 10:44
Wohnort: I'm just trying to get home

Re: Contra-Thread

Beitrag von Stebbie » Di 30. Jun 2020, 09:38

Es ist eine gottverdammte Scheibe, ein Akt der Rebellion knapp über dem Graffiti an der Hauswand - aber in Deutschland wird sofort lauthals "Gewalt" geschrien, wenn mal was beschädigt wird oder zu Bruch geht. Face it, wir alle haben schon genügend fremdes Eigentum beschädigt, als wir mal wieder mit 1,5 Promille mit Freunden von der Party kamen.

Und dann wird aus dem gutbürgerlichen Lager gemahnt, dass Menschen, die sich gegen Rassismus, Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus oder etwa die Strukturen kapitalistisch-unsozialer Systeme zur Wehr setzen wollen, doch die Form zu wahren haben, welche doch theoretisch alle Möglichkeiten biete - ungeachtet dessen, dass diese Prozesse oft nur für männliche, weiße und wohlhabende Personen zugänglich sind.
Diether Dehm ist nun nicht irgendein unbescholtener Bürger, dem sein Gartenzaun zu Silvester gesprengt wurde (→ s. oben), sondern als Bundestagsmitglied mit einem gehobenem Einfluss ausgestattet, der zudem seit einiger Zeit antisemitische und verschwörungstheoretische Lager bedient. Ohne den Kiez in Linden zu kennen, wurde hier klargemacht, dass man seine öffentliche Person nicht toleriert, ohne irgendwie die körperliche Versehrtheit des Betroffenen infrage zu stellen. Ein klassischer Akt zur Angleichung der Machtverhältnisse vor Ort, ebenso wie etwa in Connewitz, wo sich die Bewohner mit Händen und Füßen gegen die Zerstörung ihres Lebensumfeldes wehren, Luxusneubauten beschmiert oder sonstwie Gegenstand von Vandalismus werden. Oft sind das Ergebnisse von tatsächlich jahrelang geführten politisch-gesellschaftlichen Bemühungen, die letzten Endes aber an den Strukturen scheiterten. Da kann die zersprungene Glasscheibe auch zum legitimen politischen Medium werden.
(c) 26.06.2006


Benutzeravatar
NeonGolden
Beiträge: 1559
Registriert: Di 15. Sep 2015, 09:14

Re: Contra-Thread

Beitrag von NeonGolden » Di 30. Jun 2020, 10:19

Stebbie hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 09:38
Es ist eine gottverdammte Scheibe, ein Akt der Rebellion knapp über dem Graffiti an der Hauswand - aber in Deutschland wird sofort lauthals "Gewalt" geschrien, wenn mal was beschädigt wird oder zu Bruch geht. Face it, wir alle haben schon genügend fremdes Eigentum beschädigt, als wir mal wieder mit 1,5 Promille mit Freunden von der Party kamen.
Ist das echt allgemeiner Konsens? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich noch nie mutwillig irgendwelchen fremden Eigentum beschädigt habe und ich wäre ehrlich gesagt ziemlich entsetzt, wenn meine Freunde einfach irgendwas kaputt treten. Betrunken ist ja dann erst recht keine Entschuldigung, sondern macht es eher noch schlimmer. Komische Einstellung.

Bei den sonstigen Rechtfertigungen für Vandalismus würde ich mich ja sogar noch anschließen, wenn man auf friedlichem Wege kein Gehör findet. Trotzdem muss man sich weiterhin bewusst sein, dass man eine Grenze überschreitet und dafür unter Umständen die entsprechenden Konsequenzen zu tragen hat.

Suitemeister
Beiträge: 1465
Registriert: Di 15. Sep 2015, 11:31

Re: Contra-Thread

Beitrag von Suitemeister » Di 30. Jun 2020, 10:28

NeonGolden hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 10:19
Stebbie hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 09:38
Es ist eine gottverdammte Scheibe, ein Akt der Rebellion knapp über dem Graffiti an der Hauswand - aber in Deutschland wird sofort lauthals "Gewalt" geschrien, wenn mal was beschädigt wird oder zu Bruch geht. Face it, wir alle haben schon genügend fremdes Eigentum beschädigt, als wir mal wieder mit 1,5 Promille mit Freunden von der Party kamen.
Ist das echt allgemeiner Konsens? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich noch nie mutwillig irgendwelchen fremden Eigentum beschädigt habe und ich wäre ehrlich gesagt ziemlich entsetzt, wenn meine Freunde einfach irgendwas kaputt treten. Betrunken ist ja dann erst recht keine Entschuldigung, sondern macht es eher noch schlimmer. Komische Einstellung.
Das irritiert mich hier auch gerade massivst... :?

Im Endeffekt läuft's aber darauf hinaus, was ich oben schon geschrieben habe. Wenn's mir in den Kram passt, kann man schon mal 'ne Scheibe einschlagen. Wenn man dann schonmal dabei ist, warum nicht gleich in Brand stecken? Hey, ist doch nur ein Haus. Da sollen sich die gutbürgerlichen Bedenkenträger mal zurückhalten.

Ernsthaft: es wird sich über die Afd aufgeregt, dass diese "Partei" mit ihrer Rhetorik der rechtsextremen Gewalt Vorschub leistet und dann werden aus der anderen politischen Richtung solche "Anschläge" bagatellisiert. Mir fehlen echt die Worte.

Benutzeravatar
Quadrophobia
Beiträge: 11475
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:15
Wohnort: Hamburg/Göteborg
Kontaktdaten:

Re: Contra-Thread

Beitrag von Quadrophobia » Di 30. Jun 2020, 10:44

Ich versteh das Problem einfach nicht. Es ist ein himmelschreiender Unterschied, ob Nazis auf das Büro von Karamba Diaby schießen, oder ob jemand demonstrativ Dieter Dehms Scheibe einschlägt, weil man Politiker*innen, die mit Nazis paktieren, nicht akzeptieren will. Gewalt fängt nicht erst bei kaputten Sachen an.

Mal angenommen, in der direkten Umgebung wohnen Jüd*innen: Die dürfen jetzt jeden Tag an einem Laden vorbeigehen, der für nicht weniger steht, als die Ablehnung ihres Existenzrechts. Dieter Dehm bewegt sich in der gleichen ideologischen Sphäre wie Tobias Rathjen oder Stephan Balliet und seine Abgeordnetenbüro ist eben ein Ort von dem aus er diese Ideologie verbreitet. Das ist Gewalt und wie die jüngere Vergangenheit gezeigt hat, potentiell tödliche Gewalt. Diese Bedrohung einfach so stehen zu lassen, kann man insbesondere von Betroffenen nicht verlangen.

Benutzeravatar
miwo
Beiträge: 5945
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:59
Wohnort: Osnabrück
Kontaktdaten:

Re: Contra-Thread

Beitrag von miwo » Di 30. Jun 2020, 10:55

Suitemeister hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 10:28
NeonGolden hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 10:19
Stebbie hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 09:38
Es ist eine gottverdammte Scheibe, ein Akt der Rebellion knapp über dem Graffiti an der Hauswand - aber in Deutschland wird sofort lauthals "Gewalt" geschrien, wenn mal was beschädigt wird oder zu Bruch geht. Face it, wir alle haben schon genügend fremdes Eigentum beschädigt, als wir mal wieder mit 1,5 Promille mit Freunden von der Party kamen.
Ist das echt allgemeiner Konsens? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich noch nie mutwillig irgendwelchen fremden Eigentum beschädigt habe und ich wäre ehrlich gesagt ziemlich entsetzt, wenn meine Freunde einfach irgendwas kaputt treten. Betrunken ist ja dann erst recht keine Entschuldigung, sondern macht es eher noch schlimmer. Komische Einstellung.
Das irritiert mich hier auch gerade massivst... :?

Im Endeffekt läuft's aber darauf hinaus, was ich oben schon geschrieben habe. Wenn's mir in den Kram passt, kann man schon mal 'ne Scheibe einschlagen. Wenn man dann schonmal dabei ist, warum nicht gleich in Brand stecken? Hey, ist doch nur ein Haus. Da sollen sich die gutbürgerlichen Bedenkenträger mal zurückhalten.

Ernsthaft: es wird sich über die Afd aufgeregt, dass diese "Partei" mit ihrer Rhetorik der rechtsextremen Gewalt Vorschub leistet und dann werden aus der anderen politischen Richtung solche "Anschläge" bagatellisiert. Mir fehlen echt die Worte.
Irritiert mich auch. Wobei, kommt ja von Stebbie. Er hat mit seiner arroganten Art doch eh immer recht. :clown: Sachbeschädigung beim Büro eines Antisemiten von links ist halt okay, weil links. Wie schon oben beschrieben schadet es mehr als das es was bringt, da so direkt die Opferrolle mit linker Gewalt Platz finden wird.
Hurricane: '09 '10 '11 '12 '13 '14 '15 '16 '17 '18 '19
Omas Teich: '08 '09 '10 '11 '12
Airbeat One: '15 '17 '18 '19
Appletree Garden: '16 '17 '18 '19
SonneMondSterne: '14 '15 '19
Mysteryland: '14 '16
Oldenbora: '18 '19
Docklands: '14 '19
Rock am Ring: '13

Benutzeravatar
Declan_de_Barra
Hausmeister
Beiträge: 8214
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:37
Wohnort: Depreston

Re: Contra-Thread

Beitrag von Declan_de_Barra » Di 30. Jun 2020, 11:12

Ich finde das ehrlich gesagt zu einfach. Gewalt ist meiner Meinung nach leider ein legitimes Mittel von Personen, deren Stimmen nicht gehört werden. Dieses ganze System ist eben darauf ausgelegt. Aus meiner oder unserer Position ist es halt auch einfach zu sagen, dass man damit nichts erreicht und die Leute mal lieber diskutieren sollten, während Leute wie Dieter Dehm seit Ewigkeiten das gleiche machen und nie mit Konsequenzen in ihrer Partei zu rechnen haben.

Und nein, Sachbeschädigung beim Büro eines Antisemiten ist moralisch für mich weitaus akzeptabler, eben weil es einen Antisemiten bzw. dessen Scheibe trifft. Strafrechtlich spielt das natürlich keine sonderlich große Rolle, aber man sollte schon zwischen verschiedenen Arten von Gewalt differenzieren und den Kontext beachten. Es führt halt den Diskurs nicht weiter, wenn Gewalt nicht in den Kontext gesetzt wird. Beispiel BLM, eine Bewegung die die letzten Wochen weitaus mehr Beachtung gefunden hat als davor. Abgerissene Statuen von Verbrechern sind auch Sachbeschädigungen, trotzdem haben diese das Thema weitaus stärker in den Mittelpunkt gerückt, als die Diskussionen der letzten Jahre.

Online
Benutzeravatar
SammyJankis
Beiträge: 5562
Registriert: So 13. Sep 2015, 14:46

Re: Contra-Thread

Beitrag von SammyJankis » Di 30. Jun 2020, 11:18

miwo hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 10:55
Sachbeschädigung beim Büro eines Antisemiten von links ist halt okay, weil links. Wie schon oben beschrieben schadet es mehr als das es was bringt, da so direkt die Opferrolle mit linker Gewalt Platz finden wird.
Halte ich für eine gewagte These. Nach dem, was ich so mitbekomme, konnten sich in der Vergangenheit rechte und antisemitische Strukturen vor allem dort nicht ausbreiten, wo sich ein starker Widerstand formiert hat, der auch teilweise Sachbeschädigungen zur Folge hatte. Siehe bspw. das Haus der Identitären in Halle.
There is panic on the streets

mattkru
Beiträge: 4191
Registriert: So 31. Jan 2016, 18:34

Re: Contra-Thread

Beitrag von mattkru » Di 30. Jun 2020, 11:22

Hannover hat 51 Stadtteile. In Stöcken, Würfel, List oder Bemerode wäre das nicht passiert. Linden ist halt speziell. Insofern kann ich schon verstehen, das dieses Büro als Provokation verstanden wurde.

Benutzeravatar
Quadrophobia
Beiträge: 11475
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:15
Wohnort: Hamburg/Göteborg
Kontaktdaten:

Re: Contra-Thread

Beitrag von Quadrophobia » Di 30. Jun 2020, 11:23

Das Kernproblem ist für mich immer wieder, dass Gewalt in Form von Sachbeschädigung als Ausnahmefall verstanden wird, wenn sie lediglich der sichtbare Teil einer durchweg gewalttätigen Realität ist. Man kann physische Gewalt ablehnen, sie aber kontextunabhängig zu verurteilen verdeckt eben die strukturellen Ursachen. Dass einige Antifa Gruppen Militanz als Selbstzweck einsetzen, finde ich ebenso bescheuert wie ihr, in diesem Fall gibt es aber einen klaren strukturelles Gewaltverhältnis.

Benutzeravatar
Declan_de_Barra
Hausmeister
Beiträge: 8214
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:37
Wohnort: Depreston

Re: Contra-Thread

Beitrag von Declan_de_Barra » Di 30. Jun 2020, 11:25

Quadrophobia hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 11:23
Das Kernproblem ist für mich immer wieder, dass Gewalt in Form von Sachbeschädigung als Ausnahmefall verstanden wird, wenn sie lediglich der sichtbare Teil einer durchweg gewalttätigen Realität ist. Man kann physische Gewalt ablehnen, sie aber kontextunabhängig zu verurteilen verdeckt eben die strukturellen Ursachen. Dass einige Antifa Gruppen Militanz als Selbstzweck einsetzen, finde ich ebenso bescheuert wie ihr, in diesem Fall gibt es aber einen klaren strukturelles Gewaltverhältnis.
true.

Benutzeravatar
slowdive
Beiträge: 3746
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:17
Wohnort: Hannover

Re: Contra-Thread

Beitrag von slowdive » Di 30. Jun 2020, 11:26

Strukturelle Gewalt vs. Subjektive Gewalt sollte man echt als Basis-Thema in der Schule setzen. Es nervt nur noch.

Das was Quadro, Stebbie, Lewis hier so schreiben, wäre ca. das, was ich auch schreiben würde, wollte ich mit meinem "Nä, keine Lust" der ewiggleichen, nervigen Diskussion nicht aus dem Weg gehen.

"Ich lehne Gewalt pauschal ab" ist als Satz in etwa so sinnvoll wie "Ich finde Gewalt pauschal geil".

Suitemeister
Beiträge: 1465
Registriert: Di 15. Sep 2015, 11:31

Re: Contra-Thread

Beitrag von Suitemeister » Di 30. Jun 2020, 11:30

Quadrophobia hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 10:44
Ich versteh das Problem einfach nicht.
Und ich verstehe nicht, wie man sowas gutheißen kann.

Klinke mich hier jetzt aber auch aus. Das wird mir echt zu blöd.


edit:
Es bringt übrigens auch nichts, solche Debatten immer und immer wieder zu akademisieren. Denn dann ist das, was wir hier machen auch nur ein weiterer Auswuchs der vielkritisierten woke-white-Twitter-Mittelschicht.

Ansonsten:
Wenn's mir in den Kram passt, kann man schon mal 'ne Scheibe einschlagen. Wenn man dann schonmal dabei ist, warum nicht gleich in Brand stecken? Hey, ist doch nur ein Haus. Da sollen sich die gutbürgerlichen Bedenkenträger mal zurückhalten.

Benutzeravatar
Declan_de_Barra
Hausmeister
Beiträge: 8214
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:37
Wohnort: Depreston

Re: Contra-Thread

Beitrag von Declan_de_Barra » Di 30. Jun 2020, 11:37

Wie stehst du denn zu dem Beispiel der Sklaventreiberstatuen? Es geht auch nicht um konsequentes Gutheißen, sondern primär um Einordnung der Gesamtsituation.

Edit: Es geht nicht um akademisieren. Aber dein Vorwurf, dass Leute Gewalt schlicht geil finden, wenn es in den Kram passt, ist viel zu einfach gedacht.

Benutzeravatar
slowdive
Beiträge: 3746
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:17
Wohnort: Hannover

Re: Contra-Thread

Beitrag von slowdive » Di 30. Jun 2020, 11:39

Suitemeister hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 11:30
Es bringt übrigens auch nichts, solche Debatten immer und immer wieder zu akademisieren. Denn dann ist das, was wir hier machen auch nur ein weiterer Auswuchs der vielkritisierten woke-white-Twitter-Mittelschicht.
Verstehe schon worauf du hinaus willst, aber Gewalt pauschal abzulehnen ist eine Haltung, die sich nur Leute erlauben können, die Gewalt – in welcher Form auch immer – max. aus dem Fernsehen oder einer Kneipenhauerei kennen. Es ist ein Thema, dass komplex ist und einer kleinteiligeren, differenzierten Behandlung bedarf. Das heißt nicht, dass man die Wortwahl dabei nicht so treffen sollte, dass möglichst wenig Leute allein schon aufgrund x-facher Fachbegriffe außen vor bleibt – nehme mich da nicht aus.

Akademisierung ist halt eh immer so ein Vorwurf. Einem Arzt oder Physiker, der versucht die Problemstellungen in seinem Metier komplex zu denken, würde man sowas wohl nicht an den Kopf werfen.

Benutzeravatar
NeonGolden
Beiträge: 1559
Registriert: Di 15. Sep 2015, 09:14

Re: Contra-Thread

Beitrag von NeonGolden » Di 30. Jun 2020, 12:01

Quadrophobia hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 10:44
Ich versteh das Problem einfach nicht. Es ist ein himmelschreiender Unterschied, ob Nazis auf das Büro von Karamba Diaby schießen, oder ob jemand demonstrativ Dieter Dehms Scheibe einschlägt, weil man Politiker*innen, die mit Nazis paktieren, nicht akzeptieren will. Gewalt fängt nicht erst bei kaputten Sachen an.
Wer hat denn hier einen solchen Vergleich angeführt? :?

Das Maß an Unterstellungen übertrifft hier gerade mal wieder haushoch den eigentlichen Anstoß der Diskussion. Insofern kann ich Suitemeister hier durchaus verstehen, wenn er keinen Bock auf so eine Auseinandersetzung hat.

Benutzeravatar
NeonGolden
Beiträge: 1559
Registriert: Di 15. Sep 2015, 09:14

Re: Contra-Thread

Beitrag von NeonGolden » Di 30. Jun 2020, 12:10

Declan_de_Barra hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 11:37
Wie stehst du denn zu dem Beispiel der Sklaventreiberstatuen? Es geht auch nicht um konsequentes Gutheißen, sondern primär um Einordnung der Gesamtsituation.
Kein guter Vergleich, weil Sklaventreiberstatuen als öffentliche Denkmäler tendenziell nicht in Privatbesitz sind und im Gegensatz zum Fenster keine technische Funktion besitzen.

Wie gesagt, rein moralisch finde ich es in gewisser Weise nachvollziehbar, dass man sowas macht oder gutheißt. Letzten Endes handelt es sich aber trotzdem um Selbstjustiz und dafür muss man sich dann eben auch entsprechend verantworten.

dattelpalme
Beiträge: 916
Registriert: Mo 14. Sep 2015, 11:05

Re: Contra-Thread

Beitrag von dattelpalme » Di 30. Jun 2020, 12:12

Suitemeister hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 10:28
Im Endeffekt läuft's aber darauf hinaus, was ich oben schon geschrieben habe. Wenn's mir in den Kram passt, kann man schon mal 'ne Scheibe einschlagen. Wenn man dann schonmal dabei ist, warum nicht gleich in Brand stecken? Hey, ist doch nur ein Haus. Da sollen sich die gutbürgerlichen Bedenkenträger mal zurückhalten.
Das ist jetzt erst einmal eine Unterstellung, für die ich keine Anhaltspunkte sehe. Es sei denn, für dich sind Brandanschläge auf Häuser auf der einen und Fahrzeuge auf der anderen Seite ein und dasselbe. Insofern empfinde ich solche trotzigen Aussagen als ziemlich haltlos.

Ich kann durchaus verstehen, wenn man solche Aktionen nicht gutheißt, ich finde die konkrete jetzt auch nur so semi-sinnvoll. Allgemein habe ich aber schon den Eindruck, dass hier eine enorme Schieflage vorherrscht, was die Verhältnismäßigkeit der Aufregung angeht. Das sind Äpfel und Birnen, ja, aber ich würde mir persönlich einfach nur wünschen, dass sich diese Wut gleichermaßen auch bei anderen (gewaltvollen) Ungerechtigkeiten wiederfindet, die überwiegend viel weitreichendere Konsequenzen für viel mehr Betroffene hat als eine Fensterscheibe...Vielleicht findet das ja auch statt, geb ich zu, aber momentan hab ich wie gesagt nicht das Gefühl, dass hier irgendeine Verhältnismäßigkeit gegeben ist.

Über das Problem der Akademisierung hab ich mir auch schon öfter Gedanken gemacht. Allerdings weiß ich nicht, was das an dieser und auch anderer Stelle nun konkret heißen soll. Die Welt lieber in schwarz und weiß aufteilen?
„Die Welt geht vor die Hunde Mädchen, traurig aber wahr.“

Benutzeravatar
slowdive
Beiträge: 3746
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:17
Wohnort: Hannover

Re: Contra-Thread

Beitrag von slowdive » Di 30. Jun 2020, 12:18

NeonGolden hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 12:10
Declan_de_Barra hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 11:37
Wie stehst du denn zu dem Beispiel der Sklaventreiberstatuen? Es geht auch nicht um konsequentes Gutheißen, sondern primär um Einordnung der Gesamtsituation.
Kein guter Vergleich, weil Sklaventreiberstatuen als öffentliche Denkmäler tendenziell nicht in Privatbesitz sind und im Gegensatz zum Fenster keine technische Funktion besitzen.
Was hat das mit der Diskussion über die Rechtmäßigkeit einer pauschalen Ablehnung von Gewalt zu tun? Verstehe ich grad nicht ganz.
NeonGolden hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 12:10
Wie gesagt, rein moralisch finde ich es in gewisser Weise nachvollziehbar, dass man sowas macht oder gutheißt. Letzten Endes handelt es sich aber trotzdem um Selbstjustiz und dafür muss man sich dann eben auch entsprechend verantworten.
Sagt auch niemand, oder?

Benutzeravatar
NeonGolden
Beiträge: 1559
Registriert: Di 15. Sep 2015, 09:14

Re: Contra-Thread

Beitrag von NeonGolden » Di 30. Jun 2020, 12:18

dattelpalme hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 12:12
Ich kann durchaus verstehen, wenn man solche Aktionen nicht gutheißt, ich finde die konkrete jetzt auch nur so semi-sinnvoll. Allgemein habe ich aber schon den Eindruck, dass hier eine enorme Schieflage vorherrscht, was die Verhältnismäßigkeit der Aufregung angeht. Das sind Äpfel und Birnen, ja, aber ich würde mir persönlich einfach nur wünschen, dass sich diese Wut gleichermaßen auch bei anderen (gewaltvollen) Ungerechtigkeiten wiederfindet, die überwiegend viel weitreichendere Konsequenzen für viel mehr Betroffene hat als eine Fensterscheibe...Vielleicht findet das ja auch statt, geb ich zu, aber momentan hab ich wie gesagt nicht das Gefühl, dass hier irgendeine Verhältnismäßigkeit gegeben ist.
Stein des Anstoßes war hier nicht, dass sich jemand über die rohe Gewalt gegen die Fensterscheibe aufgeregt hat, sondern dass diese Form der Selbstjustiz völlig unreflektiert abgefeiert wurde.
Niemand hat hier behauptet, dass so eine Aktion aufs Schärfste zu verurteilen sei oder mit anderen Gewalttaten vergleichen. Diese Unterstellungen wurden von Einigen hier einfach in den Raum gestellt.

Was geht hier eigentlich ab? Ich finde den Ton und die Art der Kommunikation hier gerade überaus befremdlich.

Benutzeravatar
Quadrophobia
Beiträge: 11475
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:15
Wohnort: Hamburg/Göteborg
Kontaktdaten:

Re: Contra-Thread

Beitrag von Quadrophobia » Di 30. Jun 2020, 12:20

slowdive hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 11:39
Suitemeister hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 11:30
Es bringt übrigens auch nichts, solche Debatten immer und immer wieder zu akademisieren. Denn dann ist das, was wir hier machen auch nur ein weiterer Auswuchs der vielkritisierten woke-white-Twitter-Mittelschicht.
Verstehe schon worauf du hinaus willst, aber Gewalt pauschal abzulehnen ist eine Haltung, die sich nur Leute erlauben können, die Gewalt – in welcher Form auch immer – max. aus dem Fernsehen oder einer Kneipenhauerei kennen. Es ist ein Thema, dass komplex ist und einer kleinteiligeren, differenzierten Behandlung bedarf. Das heißt nicht, dass man die Wortwahl dabei nicht so treffen sollte, dass möglichst wenig Leute allein schon aufgrund x-facher Fachbegriffe außen vor bleibt – nehme mich da nicht aus.

Akademisierung ist halt eh immer so ein Vorwurf. Einem Arzt oder Physiker, der versucht die Problemstellungen in seinem Metier komplex zu denken, würde man sowas wohl nicht an den Kopf werfen.
This. In diesem Sinne



“Riot is an unfinished grave that was dug to deposit undepleted anger
It is a word to use to delegitimize your unrest, and to make your resistance into an overreaction"
Ich sehe zwar nicht wirklich, wo ich mich hier im Ton vergriffen hätte, aber ich zeichne noch mal kurz auf, warum ich diese Debatte nicht mehr hören kann. Die Gewalt, die von Strukturen ausgeht und vor allem Minderheiten betreffen, wird von Jahr zu Jahr extremer. In den letzten fünf Jahren gab es drei tödliche rechtsextreme Anschläge, es haben Dutzende Flüchtlingsunterkünfte gebrannt, Antisemitische Gewalt ist so hoch, wie seit Ewigkeiten nicht, Polizeigewalt wird nicht verfolgt, Kommunapolitiker*innen werden von Nazis angegriffen und die Polizei steckt den Hauptverdächtigen die Ermittlungsdetails. Rassistische Morde werden verschleppt und vertuscht, migrantische Menschen werden persönlich für Covid Ausbrüchen für schuldig befunden und dann in Kollektivhaft genommmen und gewaltsam in den unmenschlichen Wohnbedingungen eingepfercht, in die sie eine brutale Verwertung von Lebensraum erst gezwungen hat.
Dass dieses System auch Gegengewalt hervorbringt sollte nicht überraschen. Das Gewaltmonopol hat versagt, weil es seine eigene Gewalt nicht moderiert hat und rechtsextreme Gewalt ermöglicht und vertuscht hat. Die gewaltfreien Maßnahmen, die viele linke Akteur*innen jahrelang verfolgt haben, haben keineswegs zu weniger staatlicher Repression geführt und eine Menschenkette hat auch noch keine Nazis beeindruckt. Deshalb finde ich es absolut nicht nachvollziehbar, dass Gegengewalt in Form von Sachbeschädigungen immer wieder als Skandal aufgefasst wird.

Ob sie in dieser konkreten Situation jetzt besonders sinnvoll ist, ist noch mal eine andere Frage.
Zuletzt geändert von Quadrophobia am Di 30. Jun 2020, 12:42, insgesamt 3-mal geändert.

Benutzeravatar
NeonGolden
Beiträge: 1559
Registriert: Di 15. Sep 2015, 09:14

Re: Contra-Thread

Beitrag von NeonGolden » Di 30. Jun 2020, 12:23

slowdive hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 12:18
Was hat das mit der Diskussion über die Rechtmäßigkeit einer pauschalen Ablehnung von Gewalt zu tun? Verstehe ich grad nicht ganz.
Stimmt, da hast du Recht. Dennoch finde ich es nicht zielführend immer neue Formen bzw. Abstufungen von Gewalt zur Diskussion zu stellen.
slowdive hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 12:18
Sagt auch niemand, oder?
Äh, doch? Hier ist doch alles voll davon. :?

Benutzeravatar
slowdive
Beiträge: 3746
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:17
Wohnort: Hannover

Re: Contra-Thread

Beitrag von slowdive » Di 30. Jun 2020, 12:25

NeonGolden hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 12:01
Quadrophobia hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 10:44
Ich versteh das Problem einfach nicht. Es ist ein himmelschreiender Unterschied, ob Nazis auf das Büro von Karamba Diaby schießen, oder ob jemand demonstrativ Dieter Dehms Scheibe einschlägt, weil man Politiker*innen, die mit Nazis paktieren, nicht akzeptieren will. Gewalt fängt nicht erst bei kaputten Sachen an.
Wer hat denn hier einen solchen Vergleich angeführt? :?
Im öffentlichen Diskurs passiert eine solche Gleichsetzung halt leider sehr oft, hier hingegen halte ich es auch für etwas drüber. Nur, weil man etwas ablehnt, bedeutet das schließlich nicht, dass alles was irgendwie unter diesen abgehlehnten Bereich fällt, automatisch auch gleich "schlecht" ist.

Benutzeravatar
slowdive
Beiträge: 3746
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:17
Wohnort: Hannover

Re: Contra-Thread

Beitrag von slowdive » Di 30. Jun 2020, 12:28

NeonGolden hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 12:23
slowdive hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 12:18
Sagt auch niemand, oder?
Äh, doch? Hier ist doch alles voll davon. :?
Hier gehts doch nicht darum, dass sich die Personen nicht rechtlich/wieauchimmer verantworten sollen. Du hast du doch selbst die Differenzierung zwischen Moral und geltendem Recht/welcher-Verantwortungsebene-auch-immer angeführt?

Benutzeravatar
slowdive
Beiträge: 3746
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:17
Wohnort: Hannover

Re: Contra-Thread

Beitrag von slowdive » Di 30. Jun 2020, 12:31

NeonGolden hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 12:18
dattelpalme hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 12:12
Ich kann durchaus verstehen, wenn man solche Aktionen nicht gutheißt, ich finde die konkrete jetzt auch nur so semi-sinnvoll. Allgemein habe ich aber schon den Eindruck, dass hier eine enorme Schieflage vorherrscht, was die Verhältnismäßigkeit der Aufregung angeht. Das sind Äpfel und Birnen, ja, aber ich würde mir persönlich einfach nur wünschen, dass sich diese Wut gleichermaßen auch bei anderen (gewaltvollen) Ungerechtigkeiten wiederfindet, die überwiegend viel weitreichendere Konsequenzen für viel mehr Betroffene hat als eine Fensterscheibe...Vielleicht findet das ja auch statt, geb ich zu, aber momentan hab ich wie gesagt nicht das Gefühl, dass hier irgendeine Verhältnismäßigkeit gegeben ist.
Stein des Anstoßes war hier nicht, dass sich jemand über die rohe Gewalt gegen die Fensterscheibe aufgeregt hat, sondern dass diese Form der Selbstjustiz völlig unreflektiert abgefeiert wurde.
Niemand hat hier behauptet, dass so eine Aktion aufs Schärfste zu verurteilen sei oder mit anderen Gewalttaten vergleichen. Diese Unterstellungen wurden von Einigen hier einfach in den Raum gestellt.

Was geht hier eigentlich ab? Ich finde den Ton und die Art der Kommunikation hier gerade überaus befremdlich.
Reflektiert abgefeiert, please. :wink:

Huch, wollte ehrlich gesagt nur inhaltlich contra geben. Bin da auch klar anderer Auffassung als Suitmeister und Miwo.


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Google [Bot] und 18 Gäste